Prosa





Kleine Vergleiche

1986

365/eins

Gezeiten

Abschöpfung

Die Gelegenheit

Spielplatz

Besessen

Phasenweise

All In

Tod im Kino

Tageweise Tier

Im Stadtbild

Berühmtheit

Übertretung

Unter Dingen

Verkündigung

Der Mittlere Held an seinen freien Tagen

Ellipse








Essig

Kleine Vergleiche

I

Vielleicht ist es erlaubt, kleine Vergleiche anzustellen.

Die Absicht war die gleiche, nur die Mitspieler waren andere. Es ging darum, einen Abend zu verleben. Es ging um alles und um nichts.

Sicher, es wurden ganz verschiedene Dinge verhandelt, doch waren Ähnlichkeiten beim Personal angelegt: Ich spielte mit und die Vertreter der Ordnungsmacht, die Polizei, dein Freund und Helfer und außerdem geht es hier um Regelverletzung. Die ist immer in uns angelegt, Rebellion, wo auch immer, jedem anders, jedem gleich.


II

Mit dem Herrn F., der ein Kollege war, dem ich genaugenommen keinen Gefallen schuldete, war ich verabredet, um ihm zu Diensten zu sein beim Herrichten einer abgelebten Wohnung in einem Kaff, das wir einst gemeinsam beackerten. Nur ihm sei die Ausdrucksweise zugeeignet, bemüht wie er war, seinem Anspruch freigeistiger Lebemann zu sein, zu genügen. Innerhalb der Maßstäbe, die er sich sich setzen wollte, huldigte er der Verschwendung mit Genuss, wie er ihn verstand. Mit Großzügigkeit sich und mir und der gemeinsamen Feier gegenüber lud er ein, mir den Dienst angenehm vergelten wollend, sich die Fron des sinnfreien Farbauftrages an Tapetenbahnen zu verzuckern, den Schmerz, sei er eingebildet oder nicht, durch Kühlung am Rausche zu lindern.

Wir halfen uns also ein: Kaffee, Haschisch, Wein, Grappa, Käse an Tomaten und Oliven, Tabak. Herr F. ertelefonierte sich zudem einen dienstbaren Geist herbei, der als Wirt in jenem Kaff auch die dem Kokain Zugeneigten bediente. Dieser gab sich währenddessen den Anstrich des familientreuen Versorgers, während er als letzter Händler vor dem Konsumenten F. seinen dicken Reibach machte, zur Befriedigung seiner Frau, die fest glaubte, das Speiselokal gehe so gut. Nun, da der Kollege von jenem eingeladen auch der Nase Rauschmittel zugegeben hatte, mochte er uns nach Hause kutschierend der Unart der nächtlichen Verkehrsregelung durch Ampelzeichen an leeren Straßen nicht recht nachfolgen. Er überfuhr umsichtig und seinem Recht durch Unverständnis dem Regelwerk gegenüber verbal Ausdruck gebend jede rot beleuchtete Kreuzung bis zu jener letzten, die er mit Grandezza siegesgewiss nahm, nicht bemerkend, oder zu spät, dass das Fahrzeug, welches gegenüber an uns vorbeifuhr und grün haben musste, eine Wanne, eine Streife auf Nachtschicht war, folgerichtig wendend und uns hinterherfahrend.

Herr F.: „Scheiße.“ Dies mehrmals.

Ich: „Ruhig. Einfach einparken.“ Ebenfalls mich wiederholend und den eingekauften Sekt unter dem Sitz versteckend.

Herr F. stieg aus, die Herren Ordnungshüter ebenso, eine Unterhaltung entsponn sich mit der handelsüblichen Frage:

Sie wissen, das Sie eine rote Ampel überfahren haben?“ Ich sah mich um. Nein, der Mast stand noch, er hatte bildlich gesprochen, gut.

Herr F., rotäugig, obwohl er sich kaschierende Tropfen eingeträufelt hatte:

Das war doch höchstens... gelb. Naja, dunkelgelb zugegebenermaßen.“ So nahm es seinen Lauf, der stiernackige Beamte verneinte, der lange dünne assistierte weiterführend, welche Handhabe sie hätten, um garantiert nachweisen zu können, dass unter keinen Umständen..., wenn er wollte, er errechnen lassen könne, dass, wenn er grün..., woraufhin ich einlenkte, er müsse uns ja nicht erst überzeugen und derweil dem Kofferraum Instrumente zur Renovierung, zum Musizieren, sowie Schlafutensil entnahm. Der Stiernackige war noch nicht ganz erweicht und fragte nach Alkoholeinnahme. Natürlich beschönigend wir, dass ein zwei Glas Wein vor einer Stunde, einer halben vielleicht, zum Essen... Während jener also beschloss, den Herrn F. zum Test des Gehaltes im Blut pusten zu lassen, ging dieser noch Energieüberschüssige einmal mit der Handlampe an den Wagen heran, der natürlich von außen gebrauchsüblich wirkte. Herr F. war beunruhigt, soviel konnte ich deutlich spüren, obwohl wir eine atmosphärische Gelassenheit wacker verteidigten.

Der Test musste wiederholt werden.

Herr F. atmete und ein kleines elektronisches Geräusch gab durch Piepen bekannt, dass nun ein Ergebnis vorläge. Die nächste Konsequenz lag Herrn F. bleiern im Gemüt, wir hatten unser bestes gegeben.

Null Komma drei vier.“

Herr F. war erleichtert, cool, sofort höflich und erhielt noch die Ermahnung, zukünftig die Lichtzeichen zu achten.

Wir konnten uns zurückhalten, den Uniformierten zur Abfahrt zu winken. Dankbar konsumierten wir in der Wohnung angekommen weiter – Genussmittel; im Blute nachgewiesen allesamt Grund genug, Herrn F. reichlich Ungemach zu bereiten.


III

Mit H., einem langjährigen Freund war ich unterwegs, Musik zu genießen, zu trinken und zu schauen, mit diesem im Gespräch zu lachen und dort die Frauen so gut es eben geht nicht zu bemerken, wegen denen man sich überhaupt auf den Straßen herumdrückte. Der Abend gelang gut, die Musik war anständig und zuletzt war das Bier billig und das Gespräch geneigt. Um drei am morgen trennten wir uns, dem Geschäftsschluss uns beugend, das Fahrrad in verschiedene Richtung schwingend.

Zu Hause angekommen aß ich sofort die geschenkt erhaltenen Backwaren vom Spätkauf und freute mich ob der gelungenen Unternehmung, als das Mobiltelefon noch mal klingelte und H. sich meldete:

25 Euro wegen Fahren ohne Licht.“ Wir ereiferten uns, ungefasst. Ich fragte noch:

Hast Du ihnen gesagt, dass du kein Geld hast?“ Das hatte er und lachte ergeben und ungläubig, dies wäre nun sein Geburtstagsgeschenk. Wir sprachen noch, als er meldete, dort wären sie wieder und ich sagte gleich:

Steck das Telefon weg.“ Als er wieder anrief:

Noch mal 20 wegen telefonieren auf dem Fahrrad“ und fügte hinzu, sie wären leider ungnädig, verständnislos und zuletzt noch larmoyant gewesen; hätten ihm gesagt, sie hätten nun keine Lust mehr, den Rest der Nacht mit Radfahrern zu sprechen und er möge doch sein Rad nun schieben. Es wunderte uns nicht mehr, verdross nur noch in gedämpften Maßen, waren dies doch auch nicht die ersten Erfahrungen mit erfolgreichen Gesetzeshütern und dem bürokratischen Zahlungssystem für unbotmäßige Bürger. Wir wollten uns verabschieden, zuletzt, als H. meldete:

Da kommen sie noch mal. Die sind echt wegen 'nem Radfahrer im Kreis rumgefahren. Gerade am Anfang der Schicht. Ich glaub' an gar nichts mehr.“, sagte er noch, bevor er wieder aufstieg und nach Haus fuhr.


IV

Der Vergleich will erlaubt sein, unter uns Kriminellen, die ans Gängelband gezügelt gehören.







1986

Vor mir eine Wiese. Lang wie breit, etwa 150 Meter, dahinter Bäume. Links die Schlafbaracken. Ich bin erst zehn, aber das ist etwas Besonderes, das weiß ich, eine Wende in meinem Leben. Ab jetzt wird nichts mehr sein, wie es einmal war. Die Wiese ist saftig grün, so wie eine Wiese im April nur grün sein kann, wenn es immer viel regnet. Das ist jetzt nicht mehr gut, dass es hier immer so viel regnet. Sie sagen uns nicht viel, wir sollen nicht rausgehen und nicht so viel wissen, aber wir sind ja nicht blöd, denke ich heute, ich war ja nicht so blöd, dass ich nicht gemerkt habe, dass es etwas besonders Schlimmes ist. Alle haben Angst davor und man kann es nicht sehen. Strahlen. Diesen Ort, dessen Name uns fremd und bedrohlich klang, werden wir nie vergessen. Abends erzähle ich den andern das Märchen vom standhaften Zinnsoldaten, damit wir einschlafen konnten, denn in den Gesprächen ist wenig Leben bei uns. In unserer Baracke schlafen Christopher mit den dicken Brillengläsern und der wilde Andreas, der heißt wie ich und Nils und Thorsten, die nicht so aufregend sind. Da ist etwas passiert und am nächsten Tag sitzen wir ganz lange nachmittags bei hässlichem Tee und langweiligen Keksen im großen orangenen und weißen Saal mit dem kalten Licht und es ist unbeschreiblich langweilig und heute weiß ich, dass sie nicht wussten, was sie mit uns machen sollen, jetzt, da Tschernobyl während unserer Klassenfahrt passiert ist.

Ich vergesse nicht, wie ich vor der Wiese stehe, die so groß und grün ist und Tschernobyl macht, dass sie so einsam vor mir liegt. Heute spielen wir nicht. Das ist zwanzig Jahre her. Es ist dann doch einfach so weitergegangen und verändert sich nur langsam, auch wenn es einem schnell vorkommen kann, bei der ganzen Technik die uns heute umgibt. Wenn man überlegt, wie alles aussah 1986, die Autos und die Stehlampen, die Bravoposter und die Wohnzimmer und die Einfamilienhäuser, in denen die Leute für kurze Zeit große Angst hatten, vor den Strahlen, die man nicht sehen kann, und wie sich alle schnell beruhigt haben und weitergemacht. Und warum stehe ich immer noch allein vor der Wiese und sehe sie an wie ein Abschied.







365/eins

Dynamische Systeme erzeugen fraktale Gebilde, so genannte seltsame Attraktoren

Für jedes Ding gibt es ein Maß. Also auch Grenzen, innerhalb welcher es festgestellt werden kann - durch die Feinheit der Wahrnehmung. Man kann, man muss manches Ding dafür verstärken, lauter werden lassen, größer. In einem Elektronenmikroskop beispielsweise, oder durch ein Mikrofon.

Nikola Tesla hat ein Maß gefunden für die Flussdichte eines elektromagnetischen Impulses, der nötig ist, um die Dinge von einander unterscheidbar schwingen zu lassen, auf diese Weise Bilder von ihnen zu machen und sehen zu können, was normalerweise vor unserem Blick verborgen bliebe. Aber was ist schon normal. Wahrnehmung?

Jeder Mensch empfindet eine Grenze, bis zu der er Dinge erträglich findet. Erträglich im Sinne von ertragen können, nicht zu verwechseln mit einträglich, also Ertrag einbringend. Obwohl wir wirken können, als könnten wir beides nur sehr willkürlich in unserem Wesen und durch unser Wesen unterscheiden: wir können Dinge ertragen, die in Maßen anrühren, stinken, laut sind, enervierend, scharf, salzig oder süß schmecken.

Die Fähigkeit Dummheit ertragen zu können ist bei vielen ausgeprägter, als diejenige, Schmerz gut aushalten, dulden oder ignorieren zu können, präziser: Schmerz, der sich körperlich äußert, beeinflusst unser Wesen nachhaltiger und direkter im Ausdruck und Gefühl unseres Wesens, als jeder andere Sinneseindruck.

Wie um dies zu beweisen, brach sich Karmelin Knirp den linken Fuß im Gelenk, als er vorgab, dass alles nicht so schlimm werden würde, wie befürchtet. Er tat so wider besseres Wissen, und eben das sollte ihm nichts nützen, denn meistens kommt es dann noch schlimmer.

Wir wollen auch nicht vordergründig die These damit stützen, dass wir argumentieren, eben spürbar war es für ihn nun, da die Umwelt ihm Hürden und Stolpersteine entgegen hielt und warf, dass Dinge, die er sonst in aller Souveränität überwand, bezwang und benutzte, sich nun als sperrige, verschlossene Güter zeigten, die sich nur unter großem Aufwand und dem Gebot aller gegebenen Geschicklichkeit dienstbar gaben. Es wäre also zu einfach, zu behaupten, eben dadurch, dass ihm seine Wohnung zum Hindernisparcours, der nicht behindertengerecht eingerichtet war wurde, sei Karmelin Knirp sich seiner Behinderung bewusst und darauf zurückgeworfen worden, wurde dadurch seiner Körperlichkeit in einem Maße gewahr, die er für unerträglich hielt.

Vielmehr möchten wir hinterlistiger darauf hindeuten, wie mit einem gut gesalzenen Finger auf seine Wunde weisend, dass er vielmehr seine Dummheit spürte, die sich Raum schaffte, indem sie den Raum seiner Wahrnehmung auf den Schmerz verengte; die Dummheit fand ihren Ausdruck im nicht Ursächlichen (schließlich dachte er nicht mit den Füßen), sie nahm sich ihren Ausgleich im Maß des Schmerzes, für ihn spürbar als Veränderung der Bedeutung des Fußes (f) zum Rest seines Körpers und dessen Funktionen (k).

xD = (∆f/k)/(f/k)

Das hieße in diesem Fall: so sehr mehr (∆f) als sonst er gerade nur Fuß war, so groß (x) müsste seine Dummheit (D) sein, sie würde schwingen in der Unfähigkeit, etwas anderes zu sein. Mit seinen Gehilfen, bzw. Gehhilfen würde er die Frequenz feststellen können, - sie gaben die Taktung an, anhand der x zu bestimmen war, unregelmäßig wie alles Leben, das Heben und Senken des Meeres, wie Flammen an Holz, wie Wolkenformation. Wenn die Größe der Dummheit aber nicht festgeschrieben, sondern fortschreitend nur immer sich selbst ähnlich wäre, würde sie kleiner werden, je ungefährer man sie betrachtete. Denn je genauer man das Objekt betrachtete, desto mehr würde man die vielen verkleinerten Kopien seiner selbst wahrnehmen können, die Oberfläche würde sich bis ins Unendliche ausdehnen – nur durch Beobachtung. Es war wie mit der Ludolphschen Zahl π: es käme darauf an, ob sich nicht doch ein erkennbares Muster ergäbe, je länger man sie betrachtete. Entweder war jede Entscheidung zufällig und die Konsequenz chaotisch, oder man war entschieden zu dumm. Besser war, man sah nicht zu genau hin.

Das war des Knirps Trost; wie die Aussicht, dass Heilung für seinen Fuß möglich war, der Schmerz also vorübergehen würde, denn gerade im Moment fühlte er sich unerträglich dumm, etwa so dumm wie eine juckende Stelle unter einem Gipsverband um ein geschwollenes Gelenk. So dumm wie die schlaue Zeichnung des Homunkulus auf diejenigen wirkt, die über dessen große Extremitäten lachen, die darstellen sollen, wie viel Hirnaktivität und Nerven in unseren Händen stecken. Sie hatten gut lachen und Karmelin Knirp schmunzelte wenigstens darüber, dass es mit der Dummheit so schlimm nicht sein konnte, er hatte wenigsten nur einen Fuß in Gips und noch alle Finger.

Mit Mühe machte er sich vor anderen schon wieder über sich selbst lustig, wenn er etwa seine Wohnung als Behindertenparcours schilderte.

Wie zum Beweis wie gesagt, las Karmelin Knirp an dem Tage, an dem sein Fuß zwecks Schadensanalyse in einen Elektromagneten gehalten wurde (wobei die Knochen und Bänder zum schwingen gebracht werden, damit man ihre Resonanz aufzeichnen konnte), ein Buch, das ein Gelehrter über die Dummheit verfasst hatte, beziehungsweise genauer: Karmelin Knirp trug dieses Buch nur bis zum Ort der Untersuchung mit sich und wieder zurück, um dann keine Zeit zu haben, darin zu lesen, denn schließlich sollte er untersucht werden und dafür musste er gehen, stehen, liegen, sitzen undsoweiter und so fort, wobei ihm die junge Ärztin sagte, wie und wohin, an ihm ruckte, unter ihn schob und ihn verzurrte. Für das Buch hatte er gerade soviel Verwendung, es auszupacken, wobei ihm die Krückstöcke hinfielen, so dass die Ärztin sie aufheben musste und ihn praktisch unterwies, wie man diese stellen könne, ohne dass sie fielen, worauf er sagte, das (also fallen) täten sie ja bei ihm zu Hause auch immer, wobei ihr Blick auf sein Buch fiel. Sie mochte in dem Moment x am genauesten erfasst haben, als es in ihrer Toleranzbereichsanzeige für auffallend unerträglich dumme Patienten, die sie direkt hinter ihren hellen Augen trug, für ihn einen Ausschlag gab.

Später, während des fortschreitenden Heilungsprozesses kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht nur für das Lachen kein rechtes Maß gäbe, das als Ausgleich diente, um der Dummheit zwar nicht Herr zu werden, sie aber wenigstens erträglich sein zu lassen – somit sogar einträglich.


365/eins wurde 2005 in Belletristik 02, Magazin des Verlagshauses J.Frank Berlin veröffentlicht.







Gezeiten

Gestern wurden mir zwei Zähne ausgeschlagen, an denen ich noch gehangen habe. Seitdem klafft ein Loch in der Zahnreihe am Oberkiefer und meine Aussprache ist noch unsauberer geworden. Nicht, dass ich vorher viel geredet hätte, eigentlich habe ich das immer vermieden, doch der Krieg hat seine eigenen Regeln, er fordert beispielsweise, andere Uniformträger zu grüßen, vor allem die Höherrangigen, aber ich kann mir nicht merken, was höherrangig ist, ein Major oder ein Hauptmann, ich weiß nur, dass ich den niedrigsten aller Ränge habe und nicht mehr General werde.

Können Sie nicht anständig Meldung machen?“ hat mich der Höherrangige angeschnauzt, ich war müde und wollte an ihm vorbei durch die Tür in die Unterkunft treten.

Das kann ich schon, Herr Leutnant“, habe ich gesagt, „nur habe ich nichts zu melden, das den Aufwand für uns beide lohnte.“ Das waren sehr viel mehr Worte, als ich den ganzen Tag gesprochen hatte und die Nacht davor, als ich im Häuserkampf Vorrücken gespielt habe. Ich habe die ganze Zeit gehofft, der Feind würde mich gründlich treffen, sauber in den Kopf oder durch die Wirbelsäule.

Mir schmeckt das nicht. Vorrücken und Zurückweichen und überall hat die Stadt keine Ähnlichkeit mehr mit der Stadt, in der ich mit Mädchen geflirtet habe, in den Clubs getanzt, auf der Wiese gelegen oder im Café gesessen. Nichts stimmt mehr. Die Farbe ist falsch, alles graubräunlich bestäubt. Die Aussicht ist falsch: Große Trichter, wo Straßenbahnen hingehörten, einzelne Wände, wo alte Architektur sein sollte. Die Plätze menschenleer. Ich kann keinen Sinn darin erkennen, etwas zu verteidigen, was schon verloren ist. Ging es um unser kulturelles Miteinander, Courage und Haltung?

Der Leutnant, der ein Oberstleutnant war, hatte keine Zeit für Richtigstellungen oder moralische Wiederaufbauhilfe, er griff nach dem Koppel und schlug mir ins Gesicht, nicht hart genug, um mich von der Dienstpflicht zu entbinden. Dabei schrie er, dass nicht ich zu entscheiden habe, was notwendig sei und was nicht. Diese Leute waren aus dem Leben gekrochen, das Krieg nur vom Hörensagen kannte, als hätten sie darauf gewartet, dass es ihnen endlich die Gelegenheit gäbe, Leuten ins Gesicht zu schlagen und mir die Zähne aus der Hand, die ich dort hinein gespuckt habe, als wären es Kleinigkeiten. Mag schon sein, es waren bloß Kleinigkeiten, so viele von meinen Kleinigkeiten, die nun nutzlos waren.

Manchmal sind einige von uns in fassungsloses Gelächter ausgebrochen, weil sie nicht glauben konnten, was da passierte. Sie sahen sich an in ihren Uniformen (dass es überhaupt so plötzlich so viele Uniformen gab!), mit Gewehren im Arm und mussten lachen. So war es anfangs. Das viele Geschrei aus Schmerz und Angst und Befehl hat das Lachen aus der Wirklichkeit geblasen.

Wenn mich noch etwas wunderte, dann die Tatsache, dass ich überhaupt noch vor und zurück rückte, normalerweise lagen diejenigen, die lachten zuerst auf dem Gesicht.

Da will ich auch liegen.

Von mir ist nichts geblieben. Was ich vorher gesammelt habe, ist nicht mehr gefragt, den Anstand zu wahren etwa oder Konflikten aus dem Weg zu gehen oder mir eine Meinung darüber zu bilden, wie es gehen könne, weiter gehen, immer weiter.

Als wir vor die Stadt verlegt wurden, habe ich immer zu hoch gezielt, ich dachte daran, mich auf diese Art verweigern zu können. Ich habe das Gewehr angesetzt und über sechzig Schuss in der Sekunde in den Himmel losgelassen, in jedem Fall über Kopfhöhe, um bloß kein armes Schwein zu treffen, das auch nicht gefragt wurde. Vielleicht ginge es dann schneller vorbei, habe ich gehofft, vielleicht kann ich dann schlafen, obwohl die Granaten dröhnten, obwohl laufend in Befehlen oder vor Schmerzen gebrüllt wurde. Obwohl es hier brannte und dort Panzer fuhren, obwohl Alarm klang und Flugzeuge tief flogen. Wozu wir Gewehre hatten, verstand ich erst, als ich den Wunsch verspürte, erlöst zu werden, aber wenn der Feind auch zu hoch schoss, würde er mich nicht treffen, und wenn er sich dasselbe von mir wünschte, musste ich ihm den Gefallen tun, zu zielen.

Wir werden siegen“ meinte mich nicht, sowenig wie „wir werden untergehen“. Unter „Du kommst auch noch dran“ konnte ich mir hingegen etwas vorstellen.

Als es nach Wochen oder Monaten aufhörte - ich kann es nicht genau sagen, weil ich nicht mehr weiß, wann es angefangen hat - als diese Stille einsetzte, so plötzlich und gewaltig, dass ich glaubte, meine Trommelfelle seien geplatzt, standen auch die Gesichter ganz still. Die Körper bewegten sich weiterhin geschäftig zu neuen Zielen, aber immer unter Vorbehalt der Beteiligung des Gesichtes. Keiner sprach mehr laut. Ich bildete mir eine Seifenblase um die Wahrnehmung der Zerstörung, der Bedrohung. Darin ging es weiter. Erstaunlicherweise begannen viele Dinge wieder zu funktionieren. Man hatte ein Bedürfnis, aus der Stadt zu verschwinden, es fuhren Züge und Busse an die Küste, wo man saß und dem Meer zusah, wie es vor und zurück rückte.

Ob es den Krieg jemals gegeben hatte, oder ob er wieder anfangen würde, war ganz unerheblich. Drei Tage lang waren wir bloße ungerührte Existenz, von Nahrung, Wetter und Schlaf umgeben, sonst interesselos. Kinder waren zu sehen und Mütter.

Als es wieder losging, sah ich hin, bevor ich schoss, zielte und traf. Vielleicht würde es auf die eine oder andere Weise schneller vorbeigehen. Ich sah, wie sie fielen, ich sah, wenn sie zurück feuerten, duckte mich unwillkürlich und schoss wieder, wenn es möglich war. Wir rückten vor und zurück, Abschnitte, Straßenzüge, Befestigungen, Feuerpausen, Kessel.

Ich sah meine Zähne vor mir im Staub auf der Straße liegen. Ich lag auf allen vieren vor dem brüllenden Dienstgrad. Ich sah meine Reflektion in einer unversehrten Fensterscheibe, es sah mir ähnlich wie ein sechzig Jahre altes Foto meines Großvaters. Kontrastschwach durch den Überzug aus Trümmerstaub. Der Dienstgrad hatte Recht. Blutverschmiert, geschwollenes Gesicht, fehlende Zähne: Ich sah verschlagen aus, wie ein Verbrecher, er hatte Recht, mich zu fürchten. Er schlug mich zur Verteidigung. Ich sah hin, zielte und schoss. Vielleicht wird es so noch schneller zu Ende gehen. Vielleicht. Heute noch.


Gezeiten wurde mit dem Literaturpreis Prenzlauer Berg 2008 ausgezeichnet.







Abschöpfung

Broschüre: Vorlage für Hochglanz B/0607/V.3

Wir reißen die Dächer auf, schütteln die Fassaden und Humanoiden purzeln auf die vibrierenden Straßen. Wie Sandkörner formen sie sich zu Wellen, wulsten an den Rändern und fallen von der Schüssel in Lagerhallen voller Fahrräder. Endlich nutzbar, determiniert durch die in ihren Beinen verborgene Lorentzkraft1.

Die Lenker sind kreisförmig aufgestellt, den Außenwänden zugewandt. Daran hängen auf Leinwand gebrachte Fotografien von Wüstenlandschaften, zwei bis vier Monde über graugelben Dünen. Jedes Hinterrad, das den Boden nicht berührt, betreibt einen Keilriemen, an der Antriebsachse einer Spule angebracht, die sich dreht, neben einer zweiten Spule, die sich nicht dreht. Bei nachlassendem mechanischen Antrieb wird die erbrachte Energie zur Aufrechterhaltung der Bewegung genutzt. Dies dient der Effizienz: erhebliche Leistungsschwankungen werden durch gleichmäßige Stromerzeugung vermieden. Dazu ertönt ein Warnsignal als Aufforderung, die nötige Impulskraft nicht zu unterschreiten. Zwar ist dies mit Einbußen des Energieertrages verbunden, zugleich aber kaum risikobehaftet und vergleichsweise wenig wartungsintensiv. Das gleiche Verfahren der höchstmöglich gestalteten Verlustfreiheit wird bei Schichtwechsel angewandt.

Die Antreiber betreten dankbar die Halle, von der Schönheit der Notwendigkeit durchdrungen. Sobald die anatomische Einpassung vorgenommen und die Bewegung von den ersten Stößen in lang aufrecht erhaltbare Gleichmäßigkeit gebracht wurde, erkennt die Einheit selbsttätig das Erreichen der Betriebsspannung. Gleichmaß beugt Verschleiß vor; die Einheit benötigt zur Erreichung der Rentabilität im Mittel 280 Kilowatt je Stunde2. Plusproduktion ist nicht vorgesehen, wird jedoch zur Befriedfähigung des Schichtzusammenhaltes im Diodensichtfeld am Lenker diagnostiziert. Dort finden sich neben der Zeitmessanzeige die Angaben über Ableistung und Hochrechnung.

Da erkennbar war, dass ausreichende Mengen Material zur Verfügung stehen würden, wurde in diversen Testreihen das Verhältnis von sechs Antreibern in je zwei Phasen pro Tag je Radeinheit als Optimum festgelegt, woraus folgt, dass ein Antreiber vier Stunden betreibt, sechs Stunden im Betrieb verbleibt, inbegriffen anderthalb Stunden im Ruheraum begangene Pflege, hier liegen Mittel zur Versorgung der Reibungsschäden aus, stehen Flüssigkeit und Nahrung zur Verfügung, sowie je fünfzehn Minuten Bereitung. Insofern der Antriebsübergabemodus optimal ausgeführt wird, wird die Eigenspannung der Einheiten in den zwölf nötigen Wechseln für weniger als 120 Sekunden unterschritten. Dazu ist es unerlässlich, die Anpassungen an die anatomischen Gegebenheiten der sich abwechselnden Antreiber möglichst gering zu halten: Räder mit größerer Übersetzung stehen in der Raummitte, kleinere im äußeren Bereich.

Die Vermessung wird einmalig vorgenommen. Unvermeidlichen Ausfällen wird durch bereitstehende Reservetreiber vorgebeugt, Ruhetage auf diese Weise im Turnus vergeben und ein Lächeln senkt sich nach vollzogener Berundung in die Wohlverdienung.

Bilanziert man den energetischen Aufwand und Ertrag der Anlagen, kann man feststellen, dass die Forschung sich nach sechs, der Bau nach neun, der Betrieb sich nach einem Monat ausgeglichen darstellt, so dass sich nach nur sechzehnmonatiger Betriebszeit die Energiekosten amortisiert haben, die Versorgungskosten der Schaffer und Treiber nach weiteren vier, der Materialeinsatz nach acht Monaten ausgleichen lassen und sich somit in weniger als zweieinhalb Jahren eine zukunftsfähige, ressourcenschonende und regenerierende Energieentstehung mit Gewinn betreiben lässt.

In Nischen von noch möglichem wachsenden Schaffen der Wirte wird bereits vom sozihygienischen Faktor abgesehen.

Dies zollt sich Respekt.







Die Gelegenheit

Mir war schon schlecht. Dann stieg ich aus, am Zoologischen Garten. Dort treppab im Fettschwank und links um am Supermarkt vorbei, im Eingang steht ein dicker, muskelbepackter Mann mit Zigarettenqualmwolke um sich herum. Keine zehn Sekunden später spricht mich einer an, alt, verkommen, vielleicht kann er nichts mehr dafür, tui nemeckii, ich lächel nur noch schief und ignoriere sein Gesicht, dass mir ein Anliegen nah bringen will, nein lass mich, keine Anliegen, hier wird jetzt niemandem geholfen. Am Burgerbräter entlang, erneut Fettausdünstungen, im Fenster gelangweilt mahlende Gesichter, Plastikessen in den Händen, der Geschmack treibt sie zu keinem Ausdruck an.

Ich hab nichts gegessen. Das ist ein Fehler. Zigaretten hab ich geraucht, das Nervengift ist spürbar, ich denke, so fühlt es sich an, wenn man einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall bekommt, aber für eine Vorsorgeuntersuchung, die die Krankenkasse bezahlt, bin ich zu jung noch, ein Hohn, für alles sonst zu alt schon, im Zwischenleben, nutzlos den Produzenten, wertlos den Vermarktern, lästig den Verwaltern, in allem Überfluss.

Der Kopf platzt langsam, stetig, überall ehemalige Muskulatur, verkrampft auf Nervenbündeln liegend, in die keine thailändische Lohnsklavin ihre zarten Finger gräbt, das Hemd ist nicht teuer genug, ohne Schlips noch dazu. Dem Verkehr aus glänzenden Karossen und dreckigem ÖPNV begegne ich als Fußgänger, dem eine Nase zuviel im Gesicht gewachsen ist; gib ja nichts auf deine Sinneseindrücke, der Kurfürstendamm, Startpunkt eines jeden erlebnishungrigen Touristen, stinkt nach Gosse, nach Kanal, der voll ist, ich hab dünn in ihn geschissen, weil ich zu keiner gesunden Verdauung in der Lage bin, aufwachend mit Druck, denkend unter Druck, fußläufig mein Ziel erreichend unter Druck, wieder zu spät anzukommen, unpassend gekleidet, Träger einer verzweifelten Bitte, ankommend mit schwitzenden Händen, weggeschickt mit einem zuviel an Zeit, sonst allen zuwenig, Geschäfte Geschäfte, meine Zeit ist nichts wert, wer will sie, zu teuer. Sie vergeht. Und ich bitte nur darum, dass sie vergeht. Und es tut mir leid um sie, weil sie vergeht, und alles was einmal war, fand in Lebensumständen statt, die mir romantisch vorkommen, ach ja, damals, das war leicht, da war dieser Druck noch nicht da, der Druck dieser Gegenwart, die aufzuladen ist mit Verheißung, mit Zukunft, mit Sicherheit, die dem zu bieten hat, der etwas bieten will: Einen Eindruck, ein Zuhause. Eine Familie.

Hier kann man Duftstoffe kaufen, mit denen ich den Gestank meines Angstschweißes überdecken könnte, Wirkung, Hormone, Ersatz. Zu teuer. Recht und billig.

In einem dieser Glasklötze findet das Seminar statt, zu dem ich einen Bildungsgutschein habe und ich kann mich noch daran erinnern, wie ich den aus der Sachbearbeiterin rausgeleiert habe und auch daran, wie ihr die Schwere der Entscheidung im schmallippigen Gesicht stand; ihre Mittel seien ja begrenzt, und wenn sie mir den Schein gäbe, hätte sie wieder einen weniger und das ist Identifikation mit der ihr anvertrauten Aufgabe, gelebte Verantwortung, aber ich weiß auf Teufel komm raus nicht mehr, wo ich das hergenommen habe, die Überzeugungskraft, dass ich es wert wäre: ihr Vertrauen, diesen Schein, ihre Hilfe.

Ich will noch eine rauchen. Ich sehe dieses Gebäude und fühle schon die Wirkung des Neonlichtes auf meiner Haut, fühle die Auslegware unter den Sohlen meiner nicht mehr guten Schuhe, sehe die Auslegware auf dem Weg zur Toilette, wenn nach anderthalb Stunden die erste Pause gemacht wird, schmecke den Maschinenkaffee, der in einem bedruckten Becher schwimmt, ICBS Sales Management & Controlling, dünn, bitter, süß, sehe das Clipbord, auf dem ungelenk notiert ist, was zu tun ist, was man tun muss, wirklich tun, um eine Chance zu einer Gesprächseinladung zu erhalten, initiativ, höre den Ton des Projektors, der die Folien durchleuchtet, auf denen steht, wie man sich vorbereitet, das Beste aus sich zu machen, das Beste was möglich ist, einen Eindruck zu hinterlassen, eine positive Ausstrahlung, die auf Tatkraft, Teamfähigkeit, Durchsetzungsstärke, Kreativität schließen lässt, zeigt, das man ein Vermarktungsprofi ist. Das muss ich lernen. Und ich rieche die Luft, verbraucht, zäh weggeatmet, von uns Konkurrenten um den dynamischsten Willen, so zu sein, wie der Markt, nein, wie die vielfältigen Möglichkeiten zur Entfaltung der individuellen Stärken es erfordern, und meine Haut ist grau, um mein Fleisch gewickelt wie abgegriffen, nur an den Fingerspitzen der rechten Hand gelb, die sehe ich jetzt, als ich die Zigarette zu einem letzten Zug an die Lippen führe.

Vielleicht fragt ja mal jemand, worin der Wert der eigenen Persönlichkeit liege, wenn man sie nach den Erfordernissen der sich stetig wandelnden Dienstleistungsgesellschaft ausrichten müsse, vielleicht stockt der perfekt gekleidete Seminarleiter einen Moment und zeigt ein dummes, ein aufrichtiges Gesicht. Wahrscheinlich nicht. Es wird dunkel sein, wenn ich den gleichen Weg wieder nach Hause fahre, vielleicht mit einem anderen Kursteilnehmer zusammen. Wir werden erschöpft sein, wir werden nicht darüber sprechen, wo wir das von nun an anwenden wollen, wozu wir das brauchen können. Denn darum darf es ja nicht gehen, so dürfen Sie nicht fragen, zunächst müssen Sie sich einbringen, um Ihre Ressourcen gewinnbringend auszuschöpfen, zunächst müssen Sie Ihre Performancefähigkeiten genau analysieren. Wir werden uns fragen, was wir sonst so machen, er hat ja früher mal und ich ja schließlich auch schon. Und dein Zuhause wird unverändert sein, aber es kann dich nicht wohlig umfangen, es wird dich fragen, was Du mitgebracht hast, was du von nun an aus ihm mitnehmen wirst, um mit etwas mehr wiederzukommen. Aber heute nicht. Eine gründliche Vorbereitung gehört zu einem erfolgreichen Unternehmensstart. Heute wird es kalt und fremd sein und dich fragen, ob du es dir denn auch verdient hast. Du hast heute keinen Feierabend, du hast heute nicht gearbeitet, du fängst erst an, du hast also noch gar nicht angefangen, was hast du eigentlich bisher gemacht, du musst dich erst vorbereiten, du bist also noch gar nicht bereit, worauf wartest du denn noch.

Ich möchte noch eine rauchen aber ich gehe durch die verglaste Drehtür und hoffe, dass es vorbeigeht, ich lese die Tafeln, auf denen steht, wo welche Unternehmen ihr Büro haben, Fahrstuhl, Stockwerk, Türklinke, mattsilbrig, Tür weiß, Neonlicht, Auslegware, mittelgrau, ich gehe direkt auf die Toilette, lese nicht die Schilder Konferenz 1 Konferenz 2 Teeküche, ich würge, es kommt nichts, ich spüle trotzdem und wasche mir die Hände.

Ich verlasse das Gebäude. Mein Schritt ist schwer. Ohne Ziel ist es noch mühsamer, fortzukommen. Die nicht mehr guten Schuhe sind jetzt noch ein bisschen verbrauchter. Zoologischer Garten, Giraffe an Hochhaus. Geruch von Elefantenhaus. Ich setze mich auf eine Bank am Wasser. Touristen fahren auf einem Schiff vorbei. Ich friere nicht. Auf einer anderen Bank schläft ein Penner, Entschuldigung, ein Obdachloser. Ein Penner. Ich rauche noch eine. Es geht mir besser. So geht es nicht weiter.







Spielplatz

So wie es früher schon war. Du kommst mit Deinem neuen Ball auf den Bolzplatz, um mit den anderen Kindern zu spielen. Aus irgendeinem Grund, den du nicht kennst, bilden die anderen eine Gemeinschaft, die als inneren Zusammenhalt vor allen Dingen wie Kleidung, Sportlichkeit, Alter oder dem gemeinsamen Wohnviertel ihre Abschottung braucht, gegen alle anderen, alle Fremden, gegen alle die fragen müssen, ob sie mitspielen dürfen - gegen dich. Das geht schon so, seitdem du hier hergezogen bist und mit deinen Draußenklamotten und dem BMX-Rad zum Bolzplatz gefahren bist. Manchmal haben sie dich auch schon mal mitspielen lassen, aber dann hast du den Ball nicht bekommen oder du wurdest mit dem Gesicht in die Ecke gedrückt, in die alle immer hinpinkeln. Dann bist du flennend weggefahren. Aber du bist wiedergekommen, hast eine Stunde nebendran stehend zugeguckt, wie die anderen lachen, rennen, Sprüche machen und dich - von drinnen - mit Kommentaren bedachten. Das konnten besonders die Älteren gut, vor allem Holger hatte es drauf, der musste dich gar nicht anfassen, der konnte dich nur mit Worten völlig fertigmachen, du warst so wütend, du konntest nichts sagen, kein Wort, und immer wenn er gemerkt hat, dass es wirkt und du schon wieder losheulen und abhauen wolltest, hat er gesagt, komm, war bloß ein Witz, bist doch kein Mädchen, komm, kannst mitmachen. Manchmal hat er dann Jan was zugeflüstert, Simon hat dich in den Schwitzkasten genommen und Jan hat die Luft aus deinem Reifen gelassen. Und du warst froh, wenn sie mal Olli am Schafittchen hatten. Dann hast du gelacht, kein helles Kinderlachen, sondern so ein verdruckstes, anbiederndes. Draußen standest du natürlich trotzdem. Als du mit deinem neuen Ball gekommen bist - das haben die sofort gemerkt, du hattest so was an dir, so eine kindliche Freude, die andere Kinder riechen können und die sie nicht aushalten können. Da geht sofort der Instinkt an: Kaputtmachen, aber die waren so richtig schlau. Holger hatte es echt drauf, hey, geil, zeig mal, ist das der neue Tango, cool, das ist ja der Weltmeisterschaftsball, nicht? Kann ich den mal sehen, gib mal bitte. Das hast du auch gleich gemacht, das bisschen Aufmerksamkeit hat dich sofort gefügig gemacht. Du hast ihm den Ball gegeben und gegrient über beide Ohren, stolz, wie der da deinen Ball bestaunt hat, tipptipptipp, mit den Füßen hochgehalten, das konnten die immer gut, tipptipp, und dann hat er ihn zu Fredi gepasst, und der tipptipp ihn zu Holger zurück. Gleich kommt es, denkt man, oder? Kam es aber nicht, Holger hat zwei Mannschaften gebildet und dich in seine gesteckt und dann wurde losgespielt. Hin und her, wir schießen ein Tor und Holger schnappt sich den Ball und mimt Torjubel im ausverkauften Stadion und schießt den Ball auf die Wiese, mit voller Kraft. Du siehst ihnl fliegen und denkst gar nichts währenddessen, du hast nur so ein flaues Gefühl von Nein, aus dem die Luft entweicht, wie aus deinem Reifen, an deren Ventilen Jan gerade rumdreht, um sie einzustecken. Kein großes Problem, denkt man, oder? Geht man halt hin, holt die Ventile und dann den Ball. Den Bruder holt man nicht. Man würde schon wollen, aber der lacht einen immer aus. Kannst das nicht selber, Schwächling? Hab ich jetzt echt kein Bock drauf, musst dich schon selber kümmern. Kann man also auch nicht mit drohen, wird man so oder so ausgelacht. Das mit den Ventilen dauert, weil das für Jan sehr bequem ist, er muss gar nichts machen und kriegt die volle Show geboten: du, einen halben Kopf kleiner, schwitzend und greinend, gib her, gib her, gib die jetzt her, mann gib das her, gib das her jetzt, jetzt gib die her, ey - er die Ventile in der Hosentasche und dieses fiese Grinsen im Gesicht. Das musst du dir nur vorstellen und schon möchtest du ihn totschlagen, dieses scheißwiderliche Grinsen in seinem Gesicht zu Brei schlagen, das stellst du dir vor, immer und immer wieder, sonntags nachmittags, wenn eh keiner auf dem Bolzplatz ist, mit zusammenbissenen Zähnen, vor dem Gesicht geballten Fäusten und geschlossenen Augen stellst du es dir vor. Und während der ganzen Zeit, in der du an Jan rumzerrst und immer wieder mit den Knien auf den Boden fällst, buhuhu, denkst du an deinen neuen Ball, dass der schon weg sein könnte, aber wenn er nicht weg ist, hast du trotzdem ein Problem, und das kannst du nicht mit der brachialen Gewalt lösen, die du gerade anzuwenden versuchst, weil der Ball auf der Wiese liegt, und auf der Wiese liegen Kuhfladen, und die Kuhfladen werden da von den zwanzig bis dreißig Kühen hingemacht, und die Kühe werden von einem Zaun auf der Wiese gehalten, und durch den Zaun fließt Strom, und vor dem Zaun liegt ein Graben, der immer voll Wasser steht und das Gatter zu der Wiese liegt hinter dem Hof vom Bauern, und der Hof ist zwei Kilometer die Straße runter, und in deinem Fahrrad ist keine Luft und deshalb musst du entweder klettern oder den ganzen Weg laufen und Kühe machen dir Angst, weil sie erst mal nur neugierig sind und angelaufen kommen um zu gucken, aber das weißt du nicht, du denkst, die wollen dir wer weiß was, und deshalb schlägst du noch wütender auf Jan ein, aber der ist stärker, der muss dich nur auf dem Boden drücken und du hast Sand zwischen den Zähnen und heulst vor Wut mit dem Gesicht im Matsch.

So ist es heute auch. Nachdem du nach Niederschöneweide raus gefahren bist, dem Wunsch entsprochen hast, Dein Projekt in der Seminarpause vorzustellen, - du bist zu früh, du wartest noch im Flur, seine Sekretärin hat dir erklärt, dass sich heute leider alles ein wenig nach hinten verschiebt - sitzt Du vor Herrn Wartenberg und seinem Schild auf dem steht „Hr. Wartenberg“, gerade noch ging er an dir vorbei, du warst aufgestanden, ihn zu grüßen, fingst einen irritierten Blick auf, dein Gesicht kennt er noch nicht. Was kann ich für Sie tun, und du reichst ihm deine Mappe und zeigst deine frisch erworbene Qualifikation, die er ungeöffnet auf der rechten Seite seines Schreibtisches ablegt, du lehnst dich zurück, federst, das gebogene Stahlrohr ermöglicht die Federwirkung des Sitzmöbels, Kennerblick: Mies van der Rohe, er lächelt pausenvoll und du fragst, ob du vielleicht mitspielen, dein Projekt ausführlich erläutern dürftest, man könnte, du würdest gern, - während er schon wieder aufsteht, ich kann Ihnen da momentan wenig Hoffnung machen, aber es ist immer gut, voneinander zu wissen, - noch was dazulernen. Ich danke ihnen für ihre Zeit. Denn Sie haben Erfolg, haben Erfahrung und die Mittel. Socializing nennt man das, das hast du gelernt, du musst dich zeigen, immer wieder, sonst wird man vergessen. Du wirst den Sand ausspucken, den Mund abputzen und dann gehst du den Ball holen.







Besessen

Mancher sagt, dass sich an einigen Ecken, auf Plätzen, Parkbänken und in Hauseingängen Geister aufhalten, unser Treiben beobachten, und, wenn sie noch sehr wütend oder kämpferisch sind, sogar beinflussen. Der Eine oder Andere hat sich schon beobachtet gefühlt und hinterher waren einige Dinge woanders als erwartet. Mancher sagt außerdem, dass sie noch da sind - obwohl eigentlich tot - weil sie nicht erwartet hatten, zu sterben, überrascht wurden oder einfach nicht einverstanden sind mit ihrem Verscheiden. Vielleicht hatten sie noch etwas Dringendes zu tun, das mag ihnen sogar erst hinterher aufgegangen sein, oder sie wollen jemanden nicht allein lassen. Das ergibt jedoch für den Betreffenden wenig Sinn, hat er doch wahrscheinlich trotzdem das Gefühl des Verlustes. Warum? Er kann den Geist nicht sehen, höchstens vermuten und dann zweifelt er an seinem, na was? Geist. Tja.

Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, Sie würden mal mit einem Schrecken von der Welt kommen? Das kann schlimm sein.

Mit einer Liebe kann es einem ähnlich ergehen. Durch einen bösen Unfall oder einfach nur durch den Schliff des steten Windes Zeit, aus Unachtsamkeit oder durch die Erkenntnis der Untüchtigkeit oder der Unmöglichkeit der Übereinstimmung ist die Liebe kaputtgegangen. Nun ist sie zwar manchmal, es wäre geradezu zu wünschen, einfach verschwunden, als wäre sie nicht dagewesen und keine leere Stelle ist dort, wo sie eben noch war, doch oft geistert sie noch durch die Leben der eben noch eifrig Beteiligten.

Er beispielsweise, der dort bei Regen im Herbst durch die Straßen läuft, sich treiben lässt, sein Schritt zeigt an, wie ziellos er eigentlich ist, er nimmt die Nässe von oben zum Anlass, einer Feuchtigkeit von innen nachzugeben, die sich ihren Weg aus seinen Augen bahnt. Wäre da keine Liebe gewesen, ergäbe diese Handlung keinen Sinn.

Oder sie, die fahrig Gegenstände in einen Karton ordnet, die offensichtlich nichts miteinander gemein haben, als dass sie sie an jemanden erinnern, mit dem sie Liebe verband; Liebe ist nicht mehr, denkt sie, doch dadurch werden die Dinge nicht plötzlich fügsam und wieder zu ganz gewöhnlichen Dingen, sie sind mit etwas behaftet, das mit dieser Liebe zu tun hatte und noch da ist. Ich kann es nicht anders als den Geist der Liebe nennen.

Von diesen beiden abgesehen.

Da sind noch zwei, die eben erst beschlossen haben, dass nun nicht mehr geht, was vorher an ihnen gezogen, gezerrt, sie zum Schreien, Toben, Weinen, Vögeln, An-Den-Fingern-Halten und weiteren vielfältigen Verrichtungen geführt hat, bis sie nervös und doch kraftlos das Weite, oder genauer, die Entfernung zwischen sich und dem Anderen gesucht haben. Sie gehen unterschiedlich damit um, der eine kann nicht schlafen, die andere nicht essen, dafür trinken beide. Irgendetwas ist da also noch, lässt sie nicht los, eine Art Sehnsucht - nicht nach dem Anderen, nur nach den Sachen, die sie so machten, die man nicht allein machen kann. Oder will. Dieses gerichtet sein, das fehlt. Deshalb denken sie noch an den anderen. Den Anderen. Ständig der Andere. Dann rufen sie ihn doch an, obwohl ihnen abgeraten wurde, treffen sich wieder, tun sich weh, halten sich einander gegenseitig vor, können dann da nicht mehr hindurchsehen, berühren sich noch, aber begreifen sich nicht mehr, prallen voneinander ab und holen kräftiger Schwung und stoßen sich heftig dabei. Damit das mal aufhört, und weil da ja diese Art Energie überschüssig ist, die sich in ihr ganzes Gegenteil verkehrte, wenn man sie nicht irgendwie einsetzte, gehen sie also beide los und richten sie auf jemand anderen als den Anderen. Diese zwei Anderen bekommen nun keine Liebe, sie geraten in eine Art Geschlechtsverkehr, der nicht eigentlich sie zum Ziel hat, sie nur trifft, weil die beiden Entzweiten noch von etwas getrieben sind. Vielleicht bemerken sie es sogar und begreifen die Tat als eine Art Austreibung.

Was ich damit sagen will? Es wird nicht ganz einleuchtend. Möglicherweise, dass die Liebe nicht einfach ein Gefühl ist, als vielmehr etwas Drittes, fast Lebendiges, das sich den Liebenden anschließt, wie ein Geist.







Phasenweise

Seine Frau betrachtete ihn. Er erkannte in ihrem Blick, dass sie es wissen musste. Er wich ihrem Blick aus, sah die Dinge in ihrem Wohnzimmer: der Glastisch, die Blumenvase, die Fotos an den Wänden, die Schnitzerei aus dem gemeinsamen Keniaurlaub. Er sah sie wieder an, sah, dass sie ihn immer noch betrachtete, sah, dass sie weinen würde, wusste die Vorwürfe würden kommen, sie hätte mit allem recht, sah durch Tränen ihre Tränen aufsteigen und wusste, es war soweit.

Sie würde ihn niemals in Ruhe lassen. Er hatte es ihr gesagt, mehrmals, hatte es ihr geschrieben und ins Gesicht gesagt: es ist vorbei.

Es muss vorbei sein. Obwohl es schön war. Obwohl er es wollte. Obwohl er immer auf ihren Mund sehen musste, egal was sie sprach, in ihre Augen, wenn sie schwiegen. Auch wenn er immer in ihrem Schoß sein wollte. Trotzdem konnte es auf Dauer nicht gut gehen. Er hatte geglaubt, sie wüssten es beide. Er hatte ihr gesagt, er habe sich entschieden. Er werde seine Frau nicht verlassen, seine Familie nicht im Stich lassen, nicht für ein Abenteuer, das nicht lebbar sei, das nur im Moment existiere, keine Zukunft habe. Sie war für einen kurzen Moment still, sagte dann: „Du bist nur feige.“. Er antwortete ihr, dann sei er eben feige. Er weiß, dass er es ist, wusste immer, dass er es war, fragte sich, ob andere Männer, die ihre Frauen betrügen, es auch aus Feigheit taten oder dabei kalt sein konnten, kalt am Herzen, oder vielleicht Spieler, die das Risiko sogar genossen.

Er sagt ihr, es tue ihm leid, es ginge nicht anders. Sie lehnt sich auf dem Sofa zurück, sie sitzen sich gegenüber. Sie sieht ihn an, die Haare offen, den Mund leicht geöffnet, zeigt ihm ihre Zunge, bewegt die Beine in der engen Jeans, er muss schlucken, betrachtet sie, seine Augen sprechen seinen Worten Hohn. Sie erkennt ihre Wirkung, kommt zu ihm, setzt sich auf seinen Schoß und küsst ihn, fordernd, bis seine Hände ihren Arsch umfassen, sie löst den Kuß, sieht ihn an, lacht ihm ins Gesicht: Siehst Du? Siehst Du? Was redest Du denn? Wir wissen es doch besser. Während seine Geilheit ihn sein Gesicht in ihren Schoß pressen lässt, ihre Handgelenke festhält, ihren Kopf auf seinen Schwanz drückt, ihre Brüste quetscht, ihren Atem saugt, mahnt das unterdrückt werden wollende vernünftige Ich das unaufhaltsame Sich, er könne immer noch aufhören, könne jederzeit nein sagen, aber ihre Hand greift fest nach ihm, bewegt die geschwollene Spitze auf ihren Schamlippen auf und ab und hindert ihn gleichzeitig am Eindringen, das er um so mehr will. Er kämpft gegen den Widerstand ihrer Hand, sie sieht ihn mit vorgeschobenem Unterkiefer an: brauchst Du noch mehr Beweise? Willst Du mir immer noch widerstehen? Widersprechen? Glaubst Du, du könntest es?

Sie haben sich in den zwei Jahren, seit sie sich kennen lernten, nur vier Mal gesehen. Jede Begegnung war für ihn mit einer Verheerung seiner innersten Gewißheiten verbunden, stellte alle bisher getroffenen Entscheidungen in Frage. Jedes Mal fühlte er sich der Enge und Pflicht enthoben, die ihn umgaben und die er nun erst zu spüren begann. Denen er sich sonst so selbstverständlich ergab. Er fühlte, sie liebte ihn aus sich heraus. Der er dabei wurde, war ihm bisher gänzlich unbekannt. Er gab sich dem hin. Die Erleichterung, die er spürte, schien ihm vorzuführen, wie festgeschnürt sein Leben bereits war. Während er mit ihr war, glaubte er, endlich wahrhaftig und frei zu sein. Noch jede Banalität ihres Zusammenseins schien ihm wie mit Musik untermalt. Diese erste Phase war die romantische Überraschung, die Empfindung der Verbundenheit ihrer Seelen, voller alles verdrängenden ständigen Vorfreude auf das nächste Treffen nach ihrer verheerenden ersten zufälligen Nacht. Meer und Berge rahmten die Sensationen von Losgelöstheit und Größe ein, das unpersönliche Tagungshotel erschien ihnen als warme Heimat ihrer großen Liebe. Sie glaubten sich in einander aufgehoben und geborgen. Aufgeregt, leicht, wieder jung und rein durchlebten sie eine Woche, die ohne den Hauch von Konsequenz zu sein schien, vollkommen, weil das Ende dieser Begegnung schon ihrem Anfang eingeschrieben war.

Wenn es denn das Ende gewesen wäre. Aber sie schrieben sich hinterher, platonische zweite Phase, erst unregelmäßig und kurz, dann leidenschaftlicher. Die Briefe ermöglichten den Ausdruck von Phantasien, die keinen Abdruck im Alltag hinterließen, die versprachen, was sie sich niemals einlösen mussten. Ihm träumte, die perfekte Geliebte gefunden zu haben: Weniger als eine Beziehung, mehr als eine Affäre. Sie stellte keine Ansprüche und war umsichtig genug, nicht anzurufen oder etwa Adressat und Absender per Hand auf den Briefumschlag zu schreiben. Es war für ihn die makellose Fortsetzung der erlebten Befreiung, ohne Verbindung zum Realen, geheim und völlig folgenlos.

Zumindest hätte es folgenlos bleiben sollen. Von ihm unbemerkt aber bekam ihrer beider Leidenschaft eine neue Qualität, sie traten in Phase drei ein, die bedenkenlose Gier. Vorsätzlich wird eine Tat erst durch die Wiederholung, durch Wiederholung und Planung, die nötig ist, nötig war, ihr zweites Treffen zu ermöglichen. Sie schrieb ihm, es ergäbe sich eine Gelegenheit: Sie habe Zeit und ein Haus in den Bergen zu Ihrer Verfügung, er müsse nur etwas vorschützen und kommen. Gibt es überhaupt so etwas wie einen Entscheidungsprozess? Hat man nicht vielmehr im ersten Moment entschieden, in dem eine Idee auftaucht? So sehr er das Für und Wider bedenken mochte, er wollte sie sehen - sofort, als er von der Gelegenheit erfuhr. Während er vor sich selbst so tat, als würde er abwägen, plante er eigentlich bereits seine Abwesenheit, seine Flucht, seinen Betrug. Dass es Betrug war, schlich sich ihm nur langsam währenddessen als Eingeständnis ein. Warum sollte er aber nicht? Wenn es denn geheim bliebe, täte es doch allen Beteiligten nur Gutes, Austausch positiver Energien, Freude.

Dieses zweite Treffen lebten sie als einen Liebesurlaub, so kitschig, wie es der Begriff vermuten lässt. Es stellte sich ihnen eine Vertrautheit ein, die sie zum Weinen brachte, wenn sie daran dachten, loslassen, sich wieder trennen, wieder ins eingeübte Leben zurück zu müssen.

Zum ersten Mal uneins waren sie sich, als sie über den bevorstehenden Abschied sprachen. Sie erzählte ihm davon, dass es ihr nicht mehr gefalle, wie sie lebte, sie glaubte nicht an ihre Arbeit, sah dort für ihre eigentliche berufliche Leidenschaft keine Perspektive, wollte Veränderung und dergleichen mehr. Jetzt, mit ihm, hatte sie gefunden, wonach sie solange gesucht hatte: die große Liebe, die mit der Sturmkraft eines Gewitters alle ihre Selbstzweifel und zerstörerische Energie ableiten konnte. Seit sie mit ihm sei, habe ihr Leben den Sinn, dessen Fehlen sie vorher verrückt gemacht hatte. Sie nahm jetzt auch keine Medikamente mehr. Sie sprach von ihrer Therapie, und dass sie bald vielleicht nicht mehr nötig sei, da sie jetzt eine gemeinsame Zukunft hätten. Seine Blicke wurden unruhig, er suchte mit den Augen den Garten des Hauses ab. Er hatte nicht erwartet, so etwas zu hören. Sie stellte jenes Zurück in Frage, wollte für ihre Gemeinsamkeit Bestand, dachte sich eine Zukunft für sie beide aus, stellte ihm Fragen zu seiner Familie, seiner Frau, seinen Kindern, fragte auch ob er glücklich sei mit ihr, sie wiederholte die Wendungen, die er gebraucht hatte, um die Erlösung zu beschreiben, von der er gesprochen hatte, die er empfunden hatte, wenn er mit ihr zusammen war. Die Zukunft macht die Gegenwart zur Vergangenheit. Sie fing an, zu kämpfen, aber das verstand er noch nicht, schob es auf die Sentimentalität des nahenden Abschiedes, auf ihre wundervolle maßlose Hingabe.

Er beendete es damals nicht, sondern versuchte, die Affäre in einem bemessenen Rahmen zu halten, eine Grenze zu seinem Privatleben zu ziehen, wie er es zu bezeichnen begann. Als er später daran dachte, erschien ihm dieser Augenblick des Abschieds die letzte Chance gewesen zu sein, an dem er es freundschaftlich hätte beenden können. Zurück im Alltag angelangt, begann er, die Gefahr zu spüren, die von ihrem fordernden Wesen ausging, immer mehr musste er vor seiner Frau verschweigen. Es stellte sich ihm eine Nebenwirklichkeit ein, an die er glauben musste, um sie vor seiner Familie aufrecht erhalten zu können. Manchmal fragte sich flüchtig, ob er darin jemals wieder würde ehrlich sein können.

Auf einen seiner Briefe kamen zwei von ihr und sie schrieb immer mehr und immer genauer von der Zukunft, von einer Echtheit im Leben, der man nur selten und nur glücklicherweise begegnen würde, an der man keinen Verrat üben dürfe, in dem man sie zugunsten der Konvention oder der Pflicht verneine. Sie wolle dem Ruf ihrer Seele folgen – zusammen mit ihm. Zunächst war er von den neuen Tönen belustigt, hielt es für den Ausgleich, den man spielerisch betreibt, weil man nicht alles haben kann, was man sich wünscht, bald jedoch fragte sie in jedem Brief, wann sie sich endlich wieder sehen würden, ob er noch glücklich sei, wie sehr er sie vermisse. Wie weit sie noch miteinander fliegen könnten. Je verbundener sie sich ihm glaubte, desto fremder wurde sie für ihn. Er begann, sich beim Verfassen der Antwortbriefe an den Formulierungen heißer Gefühle, die er nicht mehr spürte, zu langweilen. Immer weniger empfand er, was sie sich alles schworen und beteuerten, es war nur noch Behauptung und er beschloss, es zu beenden. Es sei doch schließlich Verrat, für etwas, das eine Bedeutung hatte, nur noch Hülsen übrig zu haben. So würden sie die Schönheit in sich bewahren können.

Sie trafen sich daraufhin ein drittes Mal. Er hatte einen unverfänglichen Ort ausgewählt, die vielen Tagesausflügler sollten möglichst keine idyllische Stimmung aufkommen lassen. Mit trockenem Mund teilte er ihr mit, dass es für sie keine gemeinsame Zukunft geben würde und dass ihm ihre Beziehung zu schade für eine belanglose Affäre sei, es also insgesamt besser sei, sich nicht mehr zu sehen. Zwischen ihnen stand ein Tisch, die Bedienung der Gaststätte hatte darauf alkoholfreie Getränke abgestellt, er hielt sich an einem Kaffee fest, rührte Zucker hinein und betrachtete den sinkenden Milchschaum, sie rauchte Zigaretten. Er hatte sich vorgenommen, ihre Gefühle zu schonen, schließlich wollte er nicht, dass seine Ablehnung für sie zu einer weiteren Verletzung wurde. Es habe ja nichts mit ihr zu tun, sagte er, zu einer anderen Zeit vielleicht wäre es möglich gewesen, redete er ihr vor. Er wolle sie schön und stark wissen und wünschte ihr ein Leben, in dem sie für ihre Stärke geliebt wurde. Zu einer anderen Zeit und in anderen Umständen, ohne die Verpflichtung eines Lebens, Menschen, für die er die Verantwortung übernommen hatte, die auf ihn zählten, ein Recht darauf hatten und die er nicht enttäuschen wolle, hätten sie... - Du sprichst nicht aus deinem Herzen, unterbrach sie seinen Ausbruch im Konjunktiv, er sei nicht mehr schön, wenn er nicht aus seinem Herzen sprechen würde und sie wolle auch, dass er schön wäre. Darauf wusste er nichts zu erwidern. Sie glaube ihm nicht, fügte sie bitter hinzu. Was er denn nun vorhabe, und ob sie ihm schreiben dürfe. Warum auch nicht, dachte er. Wenn sie sich noch etwas bewahren konnten, warum denn nicht? Sie blieben freundschaftlich verbunden, erwachsene Menschen, die eine gemeinsame Erfahrung teilten, sich wissend anlächeln konnten, wenn ihnen nach einer kleinen Reminiszenz war. Er war erleichtert und bemerkte wiederum erst in der Erleichterung, wie die Sache ihn bedrückt hatte.

Etwa zwei Monate später schrieb sie ihm, sie habe einen neuen Job angenommen, sie lebe jetzt fast in seiner Nachbarschaft, es habe sich zufällig so ergeben. Seit Kurzem erst, sie habe es ihm eigentlich nicht sagen wollen. Ob sie vorbeikommen könne, sie wolle ihn nur sehen, wissen wie es ihm ginge. Er rief sie an, er würde zu ihr kommen.

Ihre Wirkung auf ihn war unverändert: extrem, körperlich, chemisch. Er glaubte zu spüren, irgendwo in seinem Kopf raste eine Unabwendbarkeit ein. Hier warf sie ihm vor, feige zu sein. Dann sei er eben feige, antwortete er.

Nachdem sie Sex hatten, erschöpft waren, rauchten, fragte sie ihn, ob er noch wisse, was er ihr alles erzählt habe. An seinen Brustwarzen ziehend, erzählte sie ihm, was sie schon alles wisse, wie nebenbei zählte sie Namen auf, die er erwähnt hatte, die seiner Kinder, seiner Frau, einiger Freunde, sprach vom Arbeitsplatz seiner Frau, wie schön er wohne und wo er arbeite, wisse sie sowieso - sie sprach leichten Tones weiter, während er glaubte, zum ersten Mal etwas von dem was sie sagte zu verstehen. Zum ersten Mal hatte er eine Idee, was das bedeuten konnte, zum ersten Mal hatte er wirklich Angst. Er hörte nicht auf, ihre Haare zu kraulen. Er versuchte, ihr nicht zu zeigen, dass es wirkte. Sie sah ihm lange ins Gesicht und er konnte nur denken, dass er keine Angst zeigen durfte, nicht seinen Abscheu. Er war äußerlich fast vollkommen ruhig. Alles schlechte Gewissen, das sich vorher in seinem Unterleib ausbreitete, wenn er in Gegenwart seiner Familie an sie dachte, jede Furcht vor Entdeckung seiner Unaufrichtigkeit, seiner Geheimnisse, seiner Lügen, die sich bis dahin ab und zu in Fahrigkeit, Zerstreutheit und Reizbarkeit ausgedrückt hatte, schien nun wie eine Vorschau zum Hauptfilm gewesen sein, den er jetzt sah, auf dem besten Platz sitzend: Sie rutschte an ihm herunter, sah ihm in die Augen, erfasste seinen Schrecken doch, lächelte, nahm ihn in den Mund, ließ ihre Zuge kreisen und griff fest um seine Eier, er krallte eine Hand in ihr Haar, sie stöhnte, sah ihn an – genoss, was sie sah. Er sah ihren Hintern, sah, wie sie die Knie weit auseinander aufstellte und nahm sie, nahm sie ihm aller Kraft und Wut von hinten, drückte sie mit seinem ganzen Gewicht nieder. Sie schrieen so laut sie konnten, die geöffneten Münder aufeinander gepresst. Er wollte weglaufen, seine Mundhöhle war ausgedörrt vom Küssen und vom Widerwillen, sich selbst zu fühlen, noch hier, noch in sich zu sein.

Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, verschwitzt, groß, nackt, sah sie zu ihm herunter, auf das erlegte Opfertier, ihre Beute herab. Sie sah sehr zufrieden mit sich aus, überlegen. Ob er sie anrufen werde, bald, fragte sie leise und streng, mehr drohend als bittend, und er bejahte. Sie streckte ihr Geschlecht vor, er musste hinsehen. Ob er sie wolle, fragte sie, er sagte ihr, er wolle sie aufessen, mit Haut und Haar. Sie sah ihn lange an, unnachgiebig, prüfend, fing an zu lächeln, nun endlich auch mit ihm zufrieden, komm, sagte sie, er kroch ihr entgegen, sie griff in sein Haar und bog seinen Kopf zurück, zwang ihn sie anzusehen, hielt seinen Blick fest, seinen Kopf fest an sich gedrückt. Er leckte sie, sie zog ihn hoch, grinste breit, küsste ihn, klebrig, wund. Ob er denn wirklich nicht noch bleiben könne? Er würde gern, aber heute ginge es wirklich nicht, er würde erwartet, sagte er, in Gedanken nur noch dabei, möglichst schnell zu verschwinden ohne dass es ihr auffiele. Beim nächsten Mal bliebe er, bald. Er hörte sich reden, betäubt, versprach ihr alles, was er glaubte, dass sie hören wolle.

Sie hatte die nächste Phase eingeläutet, die Form und Bedingungen einer Beziehung definiert. Er hatte ihr nichts entgegenzusetzen, nicht mehr, nicht heute. Wozu er jetzt überhaupt noch in der Lage sein würde, fragte er sich, als er, schwach in den Knien, endlich ging. Nur ein einziger Gedanke begleitete seinen Heimweg, er sah nichts, hörte nichts, als die Erinnerungen an ihre unausgesprochene Erpressung, fühlte nichts als den Wunsch, von einem barmherzigen Loch im Erdboden verschluckt zu werden, keine Wut mehr, nur den Wunsch aufzuhören, zu existieren.

Ein Freund, dem er Teile der Geschichte erzählte, lachte ihn erst aus, fragte ihn dann, warum er es seiner Frau nicht einfach sagen konnte. Er schüttelte den Kopf, er würde sich um Kopf und Kragen reden, alles ginge kaputt. Er bemerkte den zweifelnden Blick seines Freundes. Du kennst ja meine Frau nicht so wie ich, sagte er, ich kann ihr das nicht erzählen. Oh Gott, ich schäme mich, sagte er tatsächlich, oh Gott, ich schäme mich. Na ja, sagte sein Freund, eine von beiden musst du verlassen. Liebst du denn deine Frau noch?

Ich muss sie loswerden, dachte er, und zunächst wurde ihm flau bei dem Gedanken daran, was dann alles passieren mochte, aber er spürte, dass etwas von seiner Kraft in ihn zurückkehrte, wenn er daran dachte, dass es sie nicht mehr geben durfte. Er fragte sich, ob es denn nicht anders ginge, wieder und wieder, dabei hatte er den Ausdruck vor Augen, den ihr Gesicht hatte, als sie ihm erzählt hatte, was sie alles von ihm wisse. Er sah ein, dass er sie nicht kannte, malte sich aber aus, wozu sie fähig sein konnte, wusste jetzt, was sie darunter verstand, um ihn kämpfen zu wollen. Sie wollte ihn haben. Er wusste nicht, ob er sie bitten durfte, aufzuhören. Das würde sie vielleicht erst recht reizen. Er fror bei dem Gedanken, keine Möglichkeit zu haben, sie zu kontrollieren. Er stellte sich vor, wie sie nackt mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt seiner Frau, die vor ihr lag, alles erzählte. Ihm lief ein Zittern durch die Wirbelsäule dabei, Übelkeit hatte ihn ergriffen, er hatte den Eindruck, wenn er sich bewegen würde, müsse er sich erbrechen.

Was denn in den letzten Wochen mit ihm los wäre, fragte seine Frau, er sei so fahrig, höre ihr kaum zu. Es sei grad viel zu tun, schwierige Phase bei der Arbeit, log er. Er log ständig, wurde ungerecht. Dann erzähl' es mir doch, du redest ja auch kaum noch mit mir. Dass sie ihn nicht einmal in Ruhe lassen könne, was denn diese Vorwürfe sollen, er fing an zu schreien, ständig wolle sie Erklärungen von ihm. Dass man hier nichts mit sich allein ausmachen könne, schrie er, schmiss die Haustür zu und ging. Er rannte fort und dachte an ihren Schoß, automatisch setzte das Prickeln im Unterleib ein, dachte an die Geburt seiner Kinder, im gleichen Moment. Hauptsache, ich weiß selbst noch, was Lüge ist, welche Lüge für wen bestimmt war, dachte er sarkastisch. Wenn es jetzt raus käme - nicht durch ihn, nicht dadurch, dass er alles gestand, dafür war es zu spät, dafür ging es schon zu lange - durch sie, eine völlig Fremde, der er ausgeliefert war, die Macht über ihn hatte, die mehr wusste, als seine Frau, es konnte jederzeit sein, dass sie den Hebel umlegte, den Hahn zudrehte, die Blase platzen ließ, solange musste er sie zufrieden stellen. Was denn für einen Hahn, welchen Hebel, welche Blase. Er hatte nicht geglaubt, dass sein Leben so sein konnte, fühlte sich außerstande, klar zu denken. Die körperlichen Symptome hielten mehrere Tage an, er fing an zu verdrängen und glaubte, sie sei vernünftig geblieben, geworden, er wusste es nicht.

Dann rief sie an. Er versuchte, die Wirkung ihrer Stimme auf ihn vor seiner Frau zu verbergen. Nein, jetzt ginge es leider nicht, ja, er würde sich melden. Sie hatte die Telefonnummer seines Zuhauses. Er hatte kein Zuhause mehr.

Seine Frau sah ihn an. Wer das gewesen sei, fragte sie, untrügliche Ahnung. Er log wieder und wusste nicht, ob es überzeugend war. Er wollte so nicht sein, er wollte sich so nicht fühlen, unwürdig. Niemand kannte ihn besser als seine Frau, sie hatten alles miteinander geteilt, sie hatte ihm in Phasen beigestanden, genauer ihn ertragen, die alles andere als romantisch und leicht waren. Das war Verrat, wusste er. Sie musste es doch spüren. Sie würde es doch immer spüren. Nie wieder konnte er ehrlich sein, nicht ihr gegenüber, sich selbst gegenüber nicht. Heute morgen stand seine Tochter vor ihm, er hatte sie nicht bemerkt, er solle sie nicht so ansehen, dass mache ihr Angst. Das musste aufhören. So würde es nicht weitergehen, er hatte doch ein Leben.

Er würde etwas tun, aktiv werden, sein Leben verteidigen, beschloss er. Er würde kein Opfer sein, der Gnade dieser Fremden ausgeliefert. Er wusste doch auch genug über sie, hatte sie ihm nicht alles anvertraut, als sie sich in seinen Armen geborgen wähnte: Ihre Schübe, ihre Selbstverletzungen, ihre Krankheit? Richtig, sie war ja krank.

Es war bis jetzt immer noch ihr Geheimnis, sie hatten sich immer wieder geschworen, es nicht dadurch zu beschmutzen, dass sie anderen davon erzählten, die es nichts anging, die so nicht empfinden konnten. Niemand wusste von ihnen. Niemand musste von ihnen erfahren. Es gab uns nicht, dachte er, und das würde auch so bleiben. Sie hatte die Grenze überschritten, die Vereinbarung gebrochen. Er ist es nicht allein, dem sie schadet, den sie erpresst, er muss seine Familie beschützen. Wenn sie ihm doch keine Wahl ließe, wenn sie alles zerstören, wenn sie nicht von selbst aufhören wolle, dann werde er es beenden, es beenden müssen, bevor sie seine Familie und sein Leben zerstörte. Er hatte sich jetzt oft genug gefragt, ob es sein müsse. Nie hat sie ihm eine andere Antwort gelassen. Sie würde sein Traum sein und er ihre Zukunft und ihre Vergangenheit.

Er denkt nun an nichts anderes mehr. Er denkt nachts daran, wenn er neben seiner schlafenden Frau wach liegt, wenn er mit seinen Kindern spielt, wenn er am Abendbrottisch sitzt und vortäuscht, er habe berufliche Sorgen, sei deshalb ständig abgelenkt, aber es würde vorbeigehen, bald wäre alles wieder in Ordnung und dann würde es sein, als wäre nichts gewesen. Er brauchte nur sorgfältig zu sein, genau, strukturiert. Diesmal würde es ihm nicht passieren. Er entscheidet, er handelt.

Sie wird sich umbringen. Sie hat die Fremdheit in der neuen Umgebung nicht ausgehalten. Wie würde sie es wohl anstellen? Sie wird ein Bad nehmen, dazu Champagner trinken, mach' doch schon mal die Flasche auf. Sie wird ein Beruhigungsmittel darin aufgelöst haben, viel davon, die Packung liegt im Badewasser. Die Nocturnes von Chopin würden in einer Endlosschleife laufen. Das lässt sich doch alles sehr romantisch gestalten. Nein, er möchte nichts essen. Lass' mich dich baden. Das wird sie mögen. Das zweite Glas einfach mitnehmen, nicht abwaschen. Darauf achten, was er angefasst hat und hinterher alles nur mit Handschuhen und nur mit den Fingerknöcheln berühren, ihre Fingerspuren nicht verwischen. Eine ihrer Rührseligkeiten auf dem Schreibtisch hinterlassen. Auswahl hat er genug. Was gilt es zu vermeiden, worauf muss man achten. Der Sex würde lange genug her sein. Wenn sie schon ganz tranig ist, ihre Hand nehmen, die Klinge greifen und tiefe lange Schnitte ziehen, ohne Kampfspuren. Sich vorher seine Briefe zeigen lassen, die Absenderadresse hatte er nie draufgeschrieben, auch mitnehmen, später vernichten. Kopfbedeckung ist wichtig, Handschuhe. Nicht nochmal hinsehen. Beim Verlassen der Wohnung und des Hauses gilt es, unbemerkt zu bleiben, einer Satellitenaufnahme entkommt man durch Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. In der Menge verschwinden, die Stadt wird ihm helfen, unbemerkt zu bleiben, die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, einer mehr oder weniger wird nicht auffallen, wohltuende Anonymität, beruhigend: niemand sieht ihn an. Nur einmal noch schlecht schlafen, denkt er.

Die f├╝nfte Phase würde es nicht mehr geben.







All In

Wir müssen zwei Stunden vorher da sein, wurde uns gesagt. Wir sind zwei Stunden vorher dort, am Schalter im Flughafen. „Sousse müssen Sie sehen und Karthago.“ Anscheinend war jeder schon mal dort. Wir erhalten ein Heftchen und bezahlen.Es sind noch zwei Stunden bis zum Abflug.

Eine Heimkehrerin wird empfangen und gefragt, wie es war. „War schön“, antwortet sie. Wir beschließen, uns diese Antwort zu eigen zu machen, falls uns jemand fragen würde.

Urlaubsreisende bilden eine Schlange am Durchgang zum Flugzeug, obwohl dieser noch verschlossen ist. Wir betrachten dies amüsiert von unseren Sitzplätzen aus.

Wir müssen einen Bus besteigen, der uns zum Flugzeug bringt. Als endlich alle Passagiere im Bus sind, fährt dieser etwa fünfzehn Meter im Halbkreis und hält, Wir dürfen nun einsteigen.

Im Flieger ist es eng, heiß und stickig. Freundlicherweise erhalten wir ein zweites kleines Glas Wasser. Das Essen ist HALAL, frei von Schweinefleisch und Geschmack. Dazu gibt es einen trockenen Keks.

Die Landung ist hart und ruckelig, das Flugzeug steht. Rauschen und Knacken in den Lautsprechern kündigt eine Nachricht des Flugkapitäns an: „Bitte bleiben Sie Platz!“

Der Präsident grüßt die Ankömmlinge von einer Wandbemalung hinter der Einreiseabfertigung. Hier wird noch gestempelt. Neben der Gepäckausgabe gibt es einen fensterlosen Raum, in dem geraucht werden darf. Draußen ist es warm. Deshalb sind wir hier.

Im Hotel bekommen wir ein goldglitzerndes Plastikarmband umgelegt, das wir nicht ablegen dürfen.

An der Palme im Innenhof des Hotels am Pool kriecht ein Strauch hoch, der große weiße Blüten trägt. Am nächsten Morgen sind sie abgeschnitten. Wir ahnen: hier herrscht ein strenges Protokoll.

Beim Frühstück besorgen wir eine Salz- und eine Yogurtüberschwemmung, am Tisch und direkt am Buffet. Kellner beseitigen die Folgen. Wir werden nicht die beliebtesten Gäste sein.

Nach dem Frühstück hören wie eine Einführung unseres Reiseleiters. Wir wissen jetzt, was inklusive ist und was wir extra bezahlen müssen. Wir haben jeder einen Massagetermin frei, den wir sofort buchen müssen. „Sousse und Karthago müssen Sie sehen.“

Ich will die Tagesreise nach Karthago und Tunis buchen. Dazu muss ich mich in die Schlange derjenigen einreihen, die mit dem Reiseleiter sprechen wollen. Zwei sehr dicke Frauen beschweren sich darüber, dass Sie als Premiumurlauber nicht jeden Tag à la carte essen können, am Buffet essen müssen. Der Reiseleiter regelt das. Eine andere sehr dicke Frau beschwert sich darüber, dass sie mit ihrer Freundin in einem Bett schlafen muss, wo sie doch erkältet ist und beide deshalb kaum schlafen können. Der Reiseleiter schreibt eine Zahl auf einen Zettel und zeigt der Frau die Kosten eines zusätzlichen Einzelzimmers. „In Euro, Madame.“ „Jaja“, sagt die Frau, „so schnell es geht.“ Der Reiseleiter regelt das.

Wir wollen den Massagetermin buchen. Die sehr schlecht gelaunte Frau hinterm Tresen gibt uns nach zweimaligem Nachfragen einen Termin, der nicht vor dem Frühstück oder nach unserer Abreise liegt. Dafür auf falsche Namen.

In der Marina der kleinen Touristenstadt sehen wir die Erzeugnisse der hiesigen Kunsthandwerkerindustrie. Die Verkäufer sprechen deutsch, englisch, polnisch und dänisch. Französisch sowieso.

Wir betrachten einen Druck eines Gouachegemäldes. Der Verkäufer erklärt, das habe ein Freund von ihm gemalt. Der habe auch schon in Berlin ausgestellt. Er sieht ernüchtert aus, als wir erklären, wir würden uns den Kauf bis zum Rückweg überlegen. Zweihundert Meter weiter hängen die gleichen Bilder. Der Maler scheint viele Freunde zu haben.

Jemand spricht mich an: ich soll ein Tütchen mit Nüssen nehmen. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, habe ich zwei Tütchen mit Nüssen in der Hand. Er will mir weitere für meine Kinder geben, die ich nicht habe. Jetzt sagt er, sie kosten zwei Dinar pro Tütchen. Ich sage, ich habe nur dreieinhalb. Er nimmt an. Dann fragt er mich, wie viel ein Euro wert ist. Etwa anderthalb Dinar sage ich, was nicht stimmt, es sind etwa zwei. Ich solle ihm anderthalb für den Euro geben, den er mir zeigt. Ich gebe ihm einen Dinar und hundert Mellem, die ich noch klein habe, also etwa 60 Cent insgesamt. Er nimmt sie und bemerkt zwei Schritte später, dass er zu wenig erhalten hat. Wir werden beschimpft und gehen. Ich freue mich, dass der Handel doch noch halbwegs gut für mich abging. Die Nüsse schmecken scheußlich. Ich werfe sie weg.

Am Strand liegend beobachte ich andere Pauschaltouristen. Ein mehrfach gepiercter und tätowierter Deutscher raucht eine Filterzigarette. Er drückt sie neben sich im Sand aus. Dann bedeckt er sie mit einem Häufchen Sand. Seine sehr gebräunte Begleiterin löst dazu Kreuzworträtsel.

Das Essen am Buffet ist fantastisch in reichhaltiger Auswahl.

Abends sprechen wir über Wahrnehmung und individuelle Verantwortung in sozialen Zusammenhängen. Danach blamiere ich mich beim Paartanz, den sämtliche älteren Herrschaften äußerst stilsicher beherrschen. Die Gigolos, die eigentlich Animateure sind, sehen aus, wie man sie für ein Bilderbuch, das Kinder erklärt, was Gigolos sind, malen würde.

Im Speisesaal wird uns ein anderer Platz zugewiesen, als der, den wir uns gewählt haben. Ich spüre mein Armband in den Blicken der Kellner. Der Tisch, an den wir platziert werden, steht voller gebrauchtem Geschirr. Wir warten, bis er wortlos abgeräumt und neu eingedeckt wird. Andere Armbandträger sind renitenter: wir beobachten, wie ein Mann angewiesen wird, sich nicht an den Nachbartisch zu setzen, sondern in die hinterste Ecke. „Nein!“, sagt er, setzt sich und hebt ab und an seinen Teller hoch, damit der Kellner darunter eine neue Tischdecke legen kann. Zuletzt bekommt er auch Besteck.

Noch fragen wir in den verschiedenen Hotelbereichen nach, ob wir hier etwas bekommen können, doch allmählich gehen wir souveräner mit der Pauschale um.

Abends huste ich Blut aus.

Ich habe den Eindruck, alle Gäste sind hier übergewichtig. Ich teile den Eindruck mit, mir wird ein liebevoller Blick auf meinen Bauch beschieden. Das Frühstück ist wirklich sehr üppig. Mittag und Abendessen auch.

Der sogenannte Kamelmarkt in Sousse, den wir unbedingt sehen müssen, stellt sich als Ramschmarkt heraus, der irgendwo in den früher Achtzigerjahren in einer Zeitblase stecken geblieben ist, kurz bevor Qualitätsware geliefert werden konnte.

Die Medina von Sousse ist laut unserem Reiseführer ein Ort, an dem man originale orientalische Lebensart erleben kann. Diese scheint zu sein, Touristen in allen Sprachen so aufdringlich wie möglich zu nötigen, etwas zu betrachten, um es ihnen zu verkaufen. Wird werden unhöflich und arrogant und fühlen uns wie echte Touristen.

Auch in Sousse hängen die Bilder des Malers mit den unglaublich vielen Freunden.

Wir wollen mit einem TukTuk ins Hotel zurück fahren. Der Fahrer unseres Transportgefährtes erklärt, dass wir noch warten müssten, bis sechs Passagiere in unserer Richtung fahren wollen, dann legt er sich wieder in das TukTuk eines Kollegen und schläft weiter. Wir warten.

Ich möchte ein Foto von meiner Frau mit Meer im Hintergrund machen. Es stellt sich als schwierig dar, keine sonnenverbrannte Glatze oder andere Touristenleiber in den Bildausschnitt zu bekommen. Darüber werde ich gehässig und stelle fest, dass man hier nicht nur fett, sondern auch alt ist.

Das unaufhörlich am Pool für die faulenzenden Urlauber vor sich hin dudelnde Unterhaltungsmusikmedley beinhaltet auch Bob Marleys „Get up stand up – don't give up the fight.“

Spätabends gehen wir am Strand spazieren, wollen uns auf eine Liege setzen. Sofort kommt ein Strandwächter, fordert uns auf unsere Armbänder vorzuzeigen, greift dann meinen Arm und erklärt, wenn wir unsere Ruhe haben wollten, müssten wir uns auf eine Liege im Strandbereich unseres Hotels setzen. Als wir seiner Aufforderung ohne Disput Folge leisten wollen, erklärt er, wir dürften uns ruhig wieder dort hinsetzen, von wo er uns eben verwiesen habe. Diesen Sinneswandel erklären wir uns mit der Einsicht in die offensichtliche Absurdität seiner Aufforderung, schließlich ist der Strand menschenleer und nur er allein hat unsere „Ruhe“ gestört. Als wir später aufbrechen, hält er uns noch einmal an. Er sei glücklich, uns kennengelernt zu haben und ob wir einen Dinar für ihn hätten.

Frühmorgens beginnt die Tagestour durch die Landeskultur. Unser Tourleiter begrüßt uns auf deutsch und englisch, erklärt jeden Ort, jeden Hügel und jeden Steinbruch auf der linken und rechten Seite erst auf deutsch, dann auf englisch. Er bereitet uns auf jeden Programmpunkt ausführlich vor, erst auf deutsch, dann auf englisch. Zwei Stunden Busfahrt nach Karthago. Eine Stunde Aufenthalt. Eine Stunde Busfahrt nach Sidi Bou Said, eine Stunde Aufenthalt. Zehn Minuten Busfahrt in irgendein Restaurant, eine Stunde Massenspeisung. Vor der Nachspeise flüchten wir aus dem stickigen Saal um dem Protokoll zu entgehen. Dann eine Stunde Busfahrt zum Museum El Brado, eine Stunde lang Führung, zu jedem Exponat erst deutsche, dann englische Erläuterungen. Eine Viertelstunde Busfahrt nach Tunis, eine Stunde Aufenthalt. Zwei Stunden Busfahrt zurück zum Hotel. Ich erinnere mich an nichts, zum Glück habe ich Fotos gemacht.

Der Frühstückskellner an der Saftpresse spielt mit seinen Fingern, es fällt ihm offensichtlich schwer, die gewünschte Figur herzustellen. Nachdem ich schon fünf Minuten seiner umständlichen Verrichtung an den Apparaten und nun eine gefühlte Ewigkeit seiner Pantomimenkunst zugesehen habe, nuschelt er: „Four.“ Ich antworte ihm, dass ich gern nur zwei Gläser hätte. „Four“, wiederholt er, „you had four already.“ Ich verstehe ihn. Sein Gerechtigkeitssinn springt an, ich trinke zu viel von dem Fruchtjogurt, den er herstellen muss. „No. I drink two. It's for me and my wife“, rechtfertige ich mich.

Die Russen am Nachbartisch verteidigen ihr schweres Omelette durch links wie recht hingeworfene Drohblicke. Sonst wirken sie freudlos. Es muss am Kater liegen, lästern wir.

Am Nachmittag unternehmen wir einen Ausflug. Der Kameltreiber behandelt uns wie einen Teil der Herde: händeklatschend werden wir auf die Kamele, von den Kamelen runter, in die Töpferstube, zum Brotbacken, auf die Kamele, von den Kamelen runter und zum Fotografen getrieben. Die sichtlich ermatteten dicken Touristen bekommen zwischendurch den Zuckerschock nach der ungewohnten körperlichen Anstrengung verkauft. Unser Kamel versucht mich an den Agaven abzustreifen. Wir kaufen die Fotos, die man dabei von uns gemacht hat.

Abends trinken wir Cocktails, die nach verschiedenen Sorten Zahnpasta schmecken. Unser angetrunkenes Bewusstsein wird von der Animation eingefangen. Fantasiereduzierte Choreografien zum Playback diverser Musicalklassiker sollen beklatscht und bewertet werden. Amüsant ist das zur Schau getragene Unvermögen. Gerade noch rechtzeitig flüchten wir an den flutlichtbeschienenen Strand.

Die Masse der Speisen am Frühstücksbuffet ermattet uns fast wieder vollständig. Der Service lässt nach. Gibt man als Pauschaltourist eigentlich Trinkgeld?

Der traurig-vorwurfsvolle Bursche wedelt mit seinem Quittungsbüchlein. Wir sind einfach so zum Segelfliegen gegangen, obwohl er doch jeden einzelnen Tag zwei- bis dreimal auf uns eingeredet hat. Wir haben ihn um seine Provision gebracht, das verstehen wir. Nachdem wir ihm zwei Dinar geben, geht er.

Martini, Fischsuppe, Thunfischsalat mit Äpfeln und Zwiebeln, Kapern, Oliven, Tomatensalat, Tagliatelle mit Krabben an Tomatensauce, Grillfisch, Pommes Frites, Rotwein, Buletten, Lasagne mit exzellenter Béchamelsauce, dicke Bohnen, Pastetchen, Safranreis, noch ein Stück Lasagne, frittierter Blumenkohl, Lammspitzen, Mousse au Chocolat, Pudding, Honigmelone.

Dies ist schon der dritte Abend hintereinander, an dem wir nach dem Essen von der Minidisko eingefangen werden. Wir trinken Espresso, während vor der Bühne unser Lieblingsanimateur tapfer lächelt. Er klatscht sich rhythmisch auf die Oberschenkel, kreist mit den Händen und formt dann „Schlafengehen“ unter beiden Seiten des Kopfes. Die Musik spielt dazu: „Arabi arabi gulli gulli gulli gulli gulli ram sam sam“. Fast singen wir mit.

Die Karaoke danach unterbietet das Niveau des gestrigen Programms noch einmal. Der Abendspaziergang wird von einem Hauch von Kloake umweht.

Nachdem wir endlich die lokale Praxis der Trinkgeldgaben verstehen, wird uns aus der Überdecke ein blumenbelegtes Ornament als Dankeschön gefaltet.

Wie eine Kaktusfrucht schmeckt, muss ich noch wissen. Ich lasse mir vom Strandverkäufer, der wie ein Papagei klingt, zwei Früchte aufschneiden und beiße hinein, dabei bricht ein Zahn ab. Kakteen haben außen Stacheln und innen äußerst harte Kerne.

Die Dosis der Trinkgelder, die wir geben, scheint das obere Ende der Skala erreicht zu haben. Noch bevor wir ausgetrunken haben, wird nachgeschenkt.

Am letzten Morgen vor unserer Abreise gehen wir ganz früh ans Meer. Das Wasser ist ruhiger als sonst tagsüber und klar. Das hätten wir öfter machen sollen.

Auf dem Rückflug verweigern wir die Nahrungsaufnahme.

Zu Hause angekommen, treffen wir Nachbarn im Treppenhaus. Angesichts unseres Gepäcks und der für Mitte Oktober unüblichen Gesichtsfarbe fragen sie: „Wart ihr im Urlaub?“ Wir bejahen. „Und wie war's?“

War schön.







Tod im Kino

Erschöpfung trieb sie hinein. Eine Fluchtbewegung, die im weichen Dunkel vor der großen Leinwand ihr vorläufiges Ziel findet. Es möge ewig dauern. Beide hofften es. Jede Geschichte treibt ihrem Ende entgegen, das Ende treibt sie wieder hinaus, hinein wo sie herkommen, von wo sie flüchteten.

Lass uns doch ins Kino gehen, Spätvorstellung. Sie schlug es vor, damit das Schweigen ein Ende habe. Es hatte ihre Geschichte erzählt, dieses Schweigen. Sie hatten das Gespräch mit Worten erschlagen, dann die Unterhaltung mit Worten erstickt und zuletzt nach Möglichkeiten gesucht, den Rest der Zeit wortlos zu entsorgen. Den Rest des Wochendes. Den letzten Rest dieses Wochendes, das wie jedes zweite Wochende den Rahmen ihrer Beziehung definierte: Anreise, Umarmung, Nachtmahl, Umarmung, Schlaf, Umarmung, Frühstück, Unternehmung, Umarmung, Gespräch, Unternehmung oder Nachtmahl, Umarmung, Schlaf, Umarmung, Frühstück, Abschied. Zwei Abende, zwei Nächte, ein Tag, zwei Morgen.

Die Wochenenden wurden ihnen nie lang. Nie wich die angestaute Fremdheit, nie war man tief genug im anderen, nie konnte man den anderen tief genug in sich spüren, jedesmal brachte der nahende Abschied die Verheißung des Entzuges. Immer lag in der seltenen Nähe der Fernbeziehung ein Urlaubsglück, das die Sorgen der Zwischenzeit zur Mitteilung herabstufte, keiner Angst und keiner Traurigkeit eine Teilnahme einräumte. Sie wurden einander zu Idealwesen, die zwar ein Leben hatten, aber nur die Liebe teilten, für etwas anderes hatten sie keine Zeit. Sie waren einander zu wichtig - die wenigen Momente, die sie teilen konnten, mit Alltag zu belasten, darauf hatten sie keine Lust. Sie wollten gemeinsam etwas erleben, sie wussten, dass sie einen Schatz der gemeinsamen Erfahrungen anlegen mussten, von dem sie zehren konnten, über den sie sich austauschen konnten: Einen Fundus der Erinnerungen statt einer gemeinsamen Wohnung. Sie gingen zum Konzert dieser wunderbaren schwedischen Elektropopband, die im nächsten Jahr schon in den großen Hallen auftrat und im Radio gespielt wurde, sie besuchten ein Livehörspiel in einem dunklen Wasserspeicher, das außer ihnen nur noch zwei andere Zuhörer fand, sie tanzten auf einer Waldlichtung zu Flöten- und Trommelcrossover. Sie waren ein Raumschiff der romantischen Besonderheit. Sie landeten dort, wo die Welt Neues erschuf, ihnen zu Ehren Verrücktheiten probierte und sie in verschworene Kreise einlud. Nichts Sinnliches war ihnen fremd, Neugier trieb sie zu phantastischer Vielfalt.

Im zweiten Winter ihrer Übereinkunft änderte sich ihr Bewegungstrieb, harmonisch verlangten sie nach ruhigerer Wärme in kälterer Zeit. Sie wurde von Freunden eingeladen, nahmen die Einladungen aber immer seltener an. Ihre Freundinnen waren ihm zu intellektuell, mit seinen Freunden trank er immer so viel. Das machte ihnen nichts, sie waren einander genug. War sie bei ihm, zündete er viele Kerzen an, besorgte Badedüfte und kochte ganze Menüs ihr zu gefallen. Waren er ihr Gast, trug sie ihm ihre Geschichten vor, unterhielt ihn mit nachgespielten Erlebnissen, was ihn immer zum Lachen brachte oder massierte ihn nach allen Arten, die sie in Kursen gelernt hatte. Doch immer blieb noch Zeit übrig.

Zunächst sprachen sie noch von Plänen, die man verwirklichen würde, wenn es einmal anders war, denn ewig könne dieser Zustand nicht dauern. Seine Frage, was denn an diesem Zustand nicht stimme, überging sie noch. Anfangs blieb der Tonfall leicht, indem sie über seine Gewohnheiten Scherze machte, die ihr auffielen, weil sie nun mehr zu Hause waren, vielleicht lässt du dich ein bisschen gehen, lachte sie und spielte mit seinen Hüften.

Ich hatte noch so viel zu tun, entschuldigte er die Tatsache, das Badezimmer nicht wie sonst immer geputzt zu haben, wie sonst immer, lachte sie wieder, aber er wollte nicht in den Arm genommen werden, ach hör doch auf, du weißt genau, dass ich genug zu tun habe, da brauch ich sowas dann nicht auch noch.

Ist schon gut, hat sie dann eingelenkt, und sie sprachen nicht mehr darüber. Es war sehr einfach, über so etwas nicht zu sprechen, schließlich war beiden klar, dass es nichts bedeutete, so lange sie sich so sehr nach einander sehnten.

Heute wäre Einweihungsfeier bei soundso, aber Du magst ja seine Freundin nicht, ist so dahergesagt und doch schafft es den Maßstab, dem ein Abend zu zweit genügen muss, sonst hätte man genausogut hingehen können.

Du gehst ja nicht gern ins Ballett, bedeutet immer noch weniger als, wir können uns ja diesmal erst am Samstag treffen, Derundder hat eine Karte fürs Bolschoi übrig und will mich mitnehmen, du weißt ja, was mir das bedeutet. Was bedeutet eigentlich diese Häufung des Wortes Ja in diesen Feststellungen? Setzt es das Einverständnis des anderen in seine Fehlleistung vorraus?

Das ist ja kein Vorwurf. Du könntest ja auch mal über Deinen Schatten springen. Das habe ich ja die letzten Male auch schon.

Sie waren sich einig, dass gerade die Freiheit in ihrer Beziehung die Glut immer wieder erhielt, sie waren einander grenzenlos – ja, was? Ergeben? Verfallen?

Jedem Ingenieur, der einen Staudamm baut, ist klar, dass er einen Weg für das Wasser kennen muss, wenn der Pegelstand nach langen starken Regenfällen zu hoch steigt, er muss wissen, wie die Schleusen zu erreichen sind, er muss kalkulieren, dass kein fruchtbares oder bebautes Land überflutet wird.

Die beiden hatten sich nicht mit Ingenieurwesen beschäftigt. Immer mehr Rinnsäle nicht mehr ausgesprochener Worte wurden von den prekären Stellen, den empfindlichen Zonen in ein großes Schweigen geleitet. Da sie noch darin stehen konnten, beschlossen sie immer wieder, darin auch zu essen, spazieren zu gehen, wenigstens kurz oder miteinander zu schlafen. Dabei verdunstete immerhin einiges. In diesem Dunst nebeneinander liegend hatte jedes Angst, was es dem anderen vorschlagen konnte, was man heute noch tun wolle, noch mehr Angst davor, dem anderen anzubieten, doch einfach hier zu bleiben. Die Möglichkeiten der Gestaltung der längerwerdenden Gesprächspausen hatten sich erschöpft und konnten mit keinem geteilten Leben aufgefüllt werden, denn jedes hatte sein eigenes, in dem es Dinge gab, die nicht preisgegeben werden sollten oder bisher als ungenügend für gemeinsames Interesse erachtet wurden; sie wateten in Vorschlägen, allesamt aufgeweicht oder bereits aufgelöst. Das kleinste Wort genügte. Immer mehr Du hast und Du hast und ich wollte ja und als ich dir da hast du und immer weniger wir flutete große Gebiete gemeinsam verlebter Zeit, hinterließ klebrigen Matsch. Man hielt sich einander vor. Was dabei zu sehen war, gefiel niemandem.

Lass uns doch ins Kino gehen, Spätvorstellung. Da war man schon verweint, da hatte man sich in den Arm genommen, erschrocken und linkisch, das war man nicht gewöhnt. Ihnen fiel einfach nichts dazu ein. Und beide waren erleichtert, müde schon jetzt und würden hinterher noch müder sein und morgen hatte man ja nur noch ein gemeinsames Frühstück, da ginge es bestimmt schon wieder. Zuvorkommend und vorsichtig wollte jedes dem anderen die Wahl des Filmes überlassen, leider, darin waren sie sich einig und drückten sich aneinander, lief keine Komödie, die sie beide noch nicht kannten, gute Komödien waren überhaupt selten geworden.

Ich will nicht das du dich opferst, war vielleicht etwas stark als Erwiderung auf ihren Vorschlag, sie würde sich den gern noch mal ansehen, der war ganz gut. Sie sagte dazu nichts, verbiss sich den Hinweis auf sein ewiges Pathos, er hatte es ja sowieso bemerkt. Also einen Thriller, magst Du was trinken, nein, Schokolade,die Werbung lief, geeignet jedwessen Bewusstseinsaktivität so zu dimmen, den Kopf quasi zu entleeren wie eine meditative Übung, dass der Hauptfilm den freigewordenen Raum völlig ausfüllen konnte.

Das Kino hatte es leicht, wenn die Behauptung gelang, der Leidensdruck einer Figur sei so stark, dass er dafür töten würde, zwangsläufig, unvermeidbar.

Ich würde für Dich sterben, hatte sie ihn sagen hören, aber, ich würde für Dich töten, ging wohl selbst ihm zu weit. Im Film durchlitten zwei Liebende füreinander alles, was zu ertragen war und mehr, sie starb, er war schwer gezeichnet, vielleicht todgeweiht, als der Abspann einsetzte. Glücklich erschaudernd, das Schicksal ihrer Stellvertreter auf der Leinwand nicht teilen zu müssen, fanden sie Gesprächsstoff.

Das hätte ich nicht, und soso, du würdest also nicht für mich, und das könnte ja auch uns nicht, und das fand ich schon stark übertrieben, aber langweilig war es nicht, und guck mal, den können wir dann ja das nächste Mal zusammen ansehen.

Der Tod im Kino ist eine Erlösung.







Tageweise Tier

Ich ist einsam. Ich tut zwar was dagegen, es ist nicht so, dass Ich sich nicht mitteilen würde, aber Ich gibt es auch schnell wieder auf. Ich ist eitel, aber Ich will nicht reden, um dann wieder nur Ich zu hören, Ich will reden, um gehört zu werden und auch mal etwas anderes zu hören als Ich.

Täglich geht er den zerfallenden Körper pflegen. Nicht dass er schon so alt wäre, dass es nur noch schmerzt, aber er sieht ihm an, dass er zerfällt, im Gesicht sieht er es. Ich steht wohl, wie man sagt, auf der Höhe seiner Kraft. Ich raucht, er hört an seinem Atem, wie lange er schon so viel raucht, jetzt fast die Hälfte seiner Zeit. Ich trinkt Alkohol, nicht viel, aber regelmäßig. Ich hat Angst, dass es so bleibt. Dass Ich so bleibt.

Mädchen, denkt Ich, es ist dir egal, dass es ihm egal ist, in welche er seinen Schwanz reinhält heute, Ich weiß es. Ich kann es nicht sein, es ist ihm die Mühe nicht wert oder er weiß nicht wie und es ist Ich leider nicht egal, was aus deinem Kopf rauskommt.

Ich dachte heute, dass einige so hart geradeaus sind, dass sie sich nicht mit sich denken, nur immer gegen - sie wollen sich andere Möglichkeiten nicht vorstellen, sondern unzufrieden sein und das auch zeigen, aber weitergehen, als könnten sie nicht anders. Ich kann auch nicht anders und Ich weiß: wer will das also wissen. Wenn er unter Leuten ist, muss er sich viel Mühe geben, gehört zu werden, bis er schon denkt und fühlt, er sei anscheinend langweilig, weil seine Geschichten nicht so laut sind. Hinterher wundert er sich, wieder so viel geredet zu haben. Sag was, etwas Ich hören möchte, etwas anderes, als was er schon kennt, nicht die Geschichten, die vor allem obszön sind, weil ein anderer so ein Hengst oder so blöd oder eine Sau oder sonstwie arm ist. Ich kennt das schon wie Geräusch aus Körperöffnungen. Überall Akteure. Nichts geschieht. Und dann wird es ihm langweilig, denn ihm fallen nichts als wahre Geschichten ein und die sind seltener spannend als wahr. Als sperriges Tier fällt Ich Gespräch so schwer. Ist es der Ort oder sind es die Regeln, nach denen hier verhandelt wird. Ich kennt die Dumpfheit der Abreaktion, der Erwartungshaltung an Gesellschaft, Tanz und Kneipentisch, auch die andere Seite, unter denen, die nicht dumpf sein wollen, laut trotzdem sind, dort, wo unter viel Spiel alle nicht durchsetzungswillige Sprache ungehört bis unausgesprochen bleibt. Dafür wäre auch die Musik meist zu laut. Ich weiß nicht, ob Ich das wiederholen kann. Er stellt sich an den Rand der Fläche und flüchtet vor so vielen Unmöglichkeiten auf die Inseln der Vertrautheit, dort rastlos. Hat er denn vielleicht nichts zu sagen, ist von dem vielen Ausfluss so wenig hängen geblieben, das den Austausch notwendig oder für andere wertvoll macht. Lass uns mal später drüber quatschen. Der Kühlschrank bietet nur karge Abwechslung. Oft hat Ich nur Hunger, kein Egoproblem.

Ich schläft, so lang er kann - oder darf, wenn er arbeitet. Und dann isst Ich und liest in der Zeitung und da steht auch nichts Neues drin und dann kauft er vielleicht was ein oder schläft ein bisschen oder rennt durch die Gegend oder wenn die Sonne scheint mit einem Buch zu einem Kaffee. Ich mag keine Korsetts, Ich kann auch nicht ohne. Ich isst und arbeitet wieder und dann ist das alles wieder nichts Neues, nicht sehr anregend, dann trinkt Ich vielleicht noch ein Bier oder schaut Fussball oder geht mit einem Buch ins Bett oder muß telefonieren, denn es gibt nur einen einzigen Menschen, der Ich nicht einsam sein lässt, aber telefonieren hilft auch nicht oder Ich geht noch ins Kino oder holt einen Film aus der Verleihe, aber es deprimiert Ich, wie oft er schon vor den Regalen stand und auf Hüllen geguckt hat, um damit vor der Glotze zu liegen und es dröhnt, Ich dröhnt, lesen ist schon besser, aber das kann man ja nicht immer. Dann wichst Ich sich einen, denn der eine Mensch ist nicht da und er ist auf der Höhe seiner Kraft und dieses Abschleppen macht Ich traurig, dass er es nicht kann und nicht der Typ dafür ist, obwohl er seinen Körper pflegt und Wäsche kauft und nicht so hässlich ist und auch mal charmant sein kann oder tanzt, bis er die Augen zumacht und andere Augen einfach nicht sieht, aber wenn er es sieht, ekelt es Ich und wenn oben nicht Interessantes rauskommt, will er unten auch nichts reinstecken, wenn Ich es sich selber machen kann, es sich ganz direkt und alle nach seinem Willen besorgen kann und fertig; und er hört seinen Atem und ist traurig, so dass er manchmal davon Kopfschmerzen hat, denn Ich weint sehr selten, aber schläft schon ein und am nächsten Morgen hätte er am liebsten nur richtig Zeit fürs Frühstück, da hat er seine Ruhe und die Angst ist noch nicht überall hineingekrochen und Ich kann einfach lesen und essen und Kaffee trinken. Der Tag kommt und geht und Ich ist einsam. Voller Angst, dass es einfach so sein wird - immer.

Es ist diese Art Promiskuität, die Ich quält: Zum Eiskaffee in den allerallerletzten Zügen des Sommers, der schon wie Herbst riecht und abends wie Herbst abkühlt, sitzt dort das Mädchen, das er von früher kennt, er ist der Treppenwitzerzähler, fällt ihm später ein, denn Ich denkt nur, wie stelle Ich es an, dass Ich diese Traumfrau einmal genießen darf, ihre Form so vollendet, rund, sehr, fraulich und sie erkennt Ich und er lächelt und sie. Dann hört sie eine Stunde lang diesem langweiligen Mann zu, der aus dem Mund stinkt, Ich weiß das, hat ihm schon öfter höflichkeitshalber zuhören müssen, er stinkt und ist langweilig, und sie hat noch eine Freundin bei sich, auch sehr hübsch, und sie gehen und der Eiskaffee wird kalt und sie sehen Ich nicht noch mal an beim gehen, nur ein kleines Stück rund zu ergattern, und „Ich möchte bitte mit dir schlafen“ ist kein besonders guter Treppenwitz. Und vorbei, aber Ich kommt schneller drüber hinweg, er kennt das ja schon längst, sie gehen, der Eiskaffee ist kalt und ihm und später geht er ins Kino. Dort, ungelogen, sitzt nur noch ein anderer Mensch, ein Mädchen, hübsch, schon wieder. Seine Augen sind unbestechlich, und die Stimme hübsch, seine Ohren sind unbestechlich, und sie freut sich, dass sie nicht ganz allein im Kino sitzt, und im Film wird gevögelt, schön sogar, anregend, denkt Ich, sogar für sie bestimmt anregend, Zelluloid nur, und niemand setzt sich gleich und später auch nicht zu ihr und kein Körper spricht und hinterher strahlt sie gleich, was für ein schöner Film, und er käme wohl nicht von hier und sie hätte Ich gestern schon gesehen.

Ihr Fahrrad wurde geklaut, deshalb ist sie immer mit dem Auto, das jetzt nicht auf einem gemeinsamen Weg parkt und die Stimme sitzt tief, als er ihr noch eine gute Nacht wünscht, schmunzelnd, er ist nicht geübt darin, schnell irgend etwas zu sagen, kann Ich dich dann vielleicht begleiten, komm doch noch mit zu - nichts. Er legt nichts an, ist einverstanden und nur sehr unrasiert und sie war hübsch und vorbei.

Sagte mal jemand, wenn die Runde der potentiellen Geschlechtspartner kleiner wird, erhöhen sich die Flirtchancen und Ich allein mit einem Mädchen im Kino im Film, in dem gefickt wird und er ist nur unrasiert und geht mit seiner tiefen Stimme allein nach Hause. Morgen ist Ich rasiert, aber sowas passiert sowieso nie wieder so bilderbuchmäßig. Es dauert wieder lange, bis er sich doch überwindet das Licht auszumachen und schläft, aber vorher noch Zigaretten rauchen muß und nichts lesen kann.

Er ist geil zwischendurch und macht sich nichts draus, lässt es raus, den fleischigen Gedanken forcierend, wie Ich anscheinend nur diesen so kraftvoll zu zwingen oder nutzen kann. Leicht, drangvoll, spüren, sich, wen anders. Da sind auch Stimmen in der Stadt, die solcherart Dinge über sich selbst und andere erzählen: Wir kennen uns zu wenig, als dass Ich so genau von des anderen Säften wissen will, es ekelt Ich an. Um es ihm egal sein zu lassen, ist er zu wenig zu diesem Spiel fähig, nicht zynisch und nicht grob genug, dazu sich noch mitzuteilen zu verschlossen, denn zu wessen Ohren spricht man da, der einem Fremden und noch mehreren Fremden so viel mitteilt, ohne dass das etwas bedeutet. Wie kann die Sache denn etwas bedeuten, und wenn noch so viel ich und Liebe drin vorkommt. Ich kann nicht verhandeln, ob man nach dem Ficken liegen bleiben sollte, oder verschwinden und nicht Zettel kommentieren, die darob hinterlassen wurden. Nähe sieht anders aus, findet er, als dass sie in diesen Portionen zum Gespräch feilgeboten würde. Es lohnte nicht die Polemik, ja, aber welche Fragen möchte Ich hören, welche stellen. Was möchtest du tun. Dann tu so und finde heraus, was diese Sache für eure Zweisamkeit bedeutet. Das ist gut, lass uns doch später noch mal drüber labern. Ich definiert Ratschläge um seinen Ärger und Ekel herum. Darauf ist er nicht geil. Dem Fernsehen nimmt er ein rituelles Stück Kurzweil ab, Fußball wird gespielt, sein Verein sogar, sie gewinnen, wie nett.

Das Mädchen aus dem Kino, das jetzt einen Namen hat, hat nachgeforscht und meine Nummer herausgefunden. Sie ruft an, sie schreibt Mitteilungen mit dem Telefon, sie spricht mit meinem Anrufbeantworter, weil sie nur noch mal hören möchte, wie Ich darauf meinen Namen sagt. Romanze, Prickeln im Bauch, Pinsel auf dem Bauch, Möglichkeiten und eine erweckte Phantasie, meiner Stimme wegen, schließlich trug Ich Bart.

Es ist eine Entscheidung, denn schließlich hat seine Eine den Hintern der Welt und sie hat ihn für Ich und sie liebt seine Geilheit und für das viele mehr entscheidet er sich, wenn er andere Ärsche dann in Ruhe lässt. Allein Lust wäre da, und Phantasie, sich alles vorzustellen. Kann denn Wirklichkeit dem genügen. Ein Konstrukt, das, um das andere nicht zu gefährden, sich schon zeitlich räumliche und emotionale Grenzen mitdenkt, für den kurzen sehr aufregenden Kick. Dazu die Forderung der Phantasie, die des Mädchens und seine, die ja nur leben kann, wenn da keine Grenzen sind. Ich will das haben. Ich hat Angst, nicht genug zu bekommen. Dann muss er das verheimlichen. Denn er hat Angst, seine Eine dadurch zu verlieren. Die gleiche Furcht trägt unterschiedliche Kostüme. Was ist Genuß. Was eine Affäre. Und was ist seine Stimme, wenn die Worte von ihr geformt so nüchtern sein können. Romantik und Berechnung. Der Sarkasmus, der in der Beschreibung von biochemischen Prozessen wohnt. Ich will erleben, aber Freundschaft kann scheitern, Liebe scheitern, Vertrautheit weichen, kalt und leer werden - es gibt Konsequenzen, die nicht mit Momenten gewogen werden können.

Wo ist Ich denn hier oder vielmehr wer, ein kultivierter Kuhscheiß, Chinakohlsuppenesser, Amateur, katholischer Kanalklappenreiniger. Ich ist nur zu Gast hier. Leben wollte Ich hier nicht auf Dauer. Ich will doch keine Romanze.

Das Ehrlichste zu sich selbst ist die Zwiesprache mit dem kleinen Konsumenten in Ich:

Brot, Käse, Flaschensaft und Most und Rauch und Ausschank,
Musik und Pornografie, Hollywood, Geschwätz und Bewirtung,
Literatur und Zeitung.

Das Mädchen das einen Namen hatte, könnte nichts bekommen, was nicht einer anderen gehörte, außer Körper und Freundschaft, wahrscheinlich befristet. Sie hat Ich zu ihrer Arbeitsstelle mitgenommen, hinterher am späten Nachmittag bevor sie zum Zahnarzt ging. Was ist unverbindlich. Nur Massage und Schach, keine Liebe. Es war eine Volksbank. Was bedeutet liebevoll. Phantasie eines zuviel. Ein mehr als genug reicht.

Herbstzeitlosen und Echtzeitentfernung. Autotüren schlagen zu, ein Karussell schlägt sich auf in einem Leerraum neben dem Märchenbrunnen, der wirklich so heißt, in seiner Dekoration mit Wasserfangbecken für Hände und Füße schwimmen Plastikreste. Wieder ein anderer Stand: Glühwein, Gebratenes, Mützen Socken Schals. Vielbefahrene Ortsdurchführung. Regen, Wind, und die Frage des Kollegen, ob Ich auch schlecht gelaunt sei. Nicht wirklich übellaunig. Nur mein Spiel, mein Gesicht.







Im Stadtbild

Viele Wege nach Hause zu kommen gibt es ja nicht. Ich freu' mich jedenfalls immer, wenn es etwas anders aussieht, so zaghaft, wie die Blüte eines Menschen im Stadtbild sein kann und, na klar, so roh, wenn die großen Maschinen kommen. Aber der kleine Eingriff als Ausdruck des einen, beispielsweise, das Schild über dem taiwanesischen Restaurant, das sieht einer doch, da will einer mal etwas anders machen, was meistens nicht ganz gelingt, es ist ja auch für alle gemacht. Das ist oft interessanter als das, was viele machen, immer noch im Stadtbild, Drogeriemärkte oder nebenan das Büro für vier oder sieben mit Kopierapparat oder überhaupt Läden für Kopien und Telefone und billige Kleidung, beispielsweise.

Vor Zeiten hab ich im Erdgeschoss gewohnt, unter Jürgen und Annemi oder Annemi und Jürgen. Nach mir zog dann ein Architekt mit seinem Büro ins Erdgeschoss, dichte horizontale Jalousien schützen jetzt vor dem Blick hinein, andersrum hinaus auch, natürlich, denke ich mir, denn so hab ich es auch gehandhabt, als ich dort noch gewohnt hab, nur dass ich eine Gardine benutzt habe, durch die ich alles sehen konnte, was vorm Fenster stattfand, außer nachts. Mit einer Zeitschaltuhr konnte man einstellen, wann die Markise hoch- und runterfahren sollte, funktionierte fabelhaft als Wecker, für Ohren und Augen gleichermaßen.

Jürgen und Annemi. Arbeiter einst, Tabakfabrik, sowohl als auch, Flure putzen. Jürgen trank aus kleinen Flaschen. Annemi war immer große Bewegung.

Hinten der Ausblick romantisches Neukölln. Eine Schaukel, den ganzen Tag Sonne, ein Parkplatz, der nicht so groß ist, der Aldi nur drei Schritte entfernt, Kopfsteinpflaster, keine Balkone, Erker höchstens. „Zum Eck“ in den Deutschland- bzw. Schultheißfarben. Am Wochenende Markt gleich nebenan.

Vielgeschlechtlich veranlagt er, verborgen in fuffzig, naja, siebzig Quadrat Ehe über die Zeit. Durch und durch. Eigen, lieb, unbeweglich, voller Angst beide. Darin wie alle, aber ausgeprägt.

Im Vierten der Professor vom Goetheinstitut mit seiner schönen jüngeren, größer als er gewachsenen Ukrainerin. Zwischendurch war unser Haus Quartier für den Besuch der Ortsälteren ihrer Heimat - mit Stadtführung, Schwoof und Kulturaustausch, da haben wir nachts gesessen und Wodka getrunken und mit Gitarre und Quetsche musiziert, spät nachts; morgens früh fuhren sie, nachdem sie tatsächlich wieder Wodka tranken. Der lange Treck nach Westen, der sein Ziel wohl nie endgültig findet.

Im dritten die alte Dame, deren Radio wir in der Küche hören konnten, während wir nächtelang saßen und redeten. Mit Rainer.

Rainer liebte Annemi und Jürgen und er hatte recht damit. Schließlich liebten sie ihn auch, solange er da war, und deshalb lachte Rainer, wenn er mit ihnen war, und redete so, dass sie verstanden, er redete einfach weiter und das klappte gut, denn er war geübt darin, über Dinge zu sprechen, von denen er wusste, wie sie waren und er wusste schließlich schon sehr viel und deshalb stimmte das auch alles so, wie er es sagte. Hauptsache wir wussten es und konnten darüber lachen, dass die Dinge so waren und so vieles daran nicht stimmte und wir deshalb noch mehr darüber lachen mussten und dazu tranken wir und Jürgen mochte schließlich Fußball und Annemi mochte uns und liebte es, den Kopf über Rainer zu schütteln, wenn er so redete.

Hat auch keiner was gesagt, wie wir die große Party mit den zwei Fünfzigliterfässern gefeiert haben. Eins war hinterher noch fast halb voll, zuerst hat er sich nicht getraut, aber nachdem wir ihm dann ein bisschen gut zugeredet hatten, kam Jürgen auch immer runter, um sich noch mal een Kleenet zapfen zu lassen. Zwischendurch ne Büchse genommen, dass es nicht so auffällig wird.

Sonst waren wir ja nur ab und zu bei ihnen oben und noch seltener waren sie bei uns unten. Im Sommer wurde neben den Mülltonnen gegrillt, dann sind auch die Nachbarn mal da gewesen, obwohl sie eigentlich nicht vorkommen, aber Jürgen und Annemi waren ja immer mit sich und beschäftigt - na klar - es gibt ne Menge zu tun im Haushalt, der mit Akkuratesse betrieben wird, aber soviel nun auch wieder nicht, der Fernseher war ja auch noch da, Talkshows nachmittags. Ich weiß nicht, was sonntags. In der Woche mal zu Stellen an denen man muss, außer einkaufen jetzt und zum Arzt natürlich, Annemi vor allem, mit so viel Körper hat man natürlich noch mehr Körper. Jürgen liebte sie wirklich und eben auch Jungs und das zu Hause, was anderes wusste er wohl nicht, irgendwann muss es ja mal rauskommen.

Bier und Fernsehn, Bauch und Falten werden Verzweiflung. Wird verhasste Alternative zur einstigen Sorge, denn akkurat ist er eigentlich ja noch und es ist schwer zu sagen „Is doch ejal. Wir rejen uns doch da nisch weiter uff. Was soll mer denn jetz verrück machn wejen den.“ Annemi hätte das sonst immer gesagt, aber grade nicht. Das biss in ihr und ließ nicht los, sie wusste nicht, wie damit umgehen, sie wusste dazu gar nichts, nur das man so wat eben einfach nisch macht und schon eigentlich erst recht nicht mit ihr. Und da muss sie jetzt da mit leben.

Ich hab' mich hinter dem Schaufenster den Flur entlang an der Wand in der Küche sitzend gefragt, was ich an- oder darbieten könnte oder aus- oder darstellen. Meine sonderbare Existenz, unter Jürgen in Annemi oder Annemi in Jürgen in einem ehemaligen Arbeiterviertel in Neukölln.

Eigentlich folgerichtig bezieht ein Architekt meine ehemalige Schaufensterwohnung, blickdicht. Ich wenigstens habe damals bestimmt sieben verschiedene Bilder reingehängt, ins Stadtbild.







Berühmtheit

Als der Laden leer blieb, während auf der Straße die ihren Körper anbietenden Mädchen mit ihren angemalten Puppengesichtern frierend auf Freier warteten, suchte der junge Mann hier nach Tanz und Zerstreuung mit dem Hintergedanken, öffentlichkeitswirksam zu sein als Ein-Mann-Betrieb. Ich fragte meinen einzigen Gast, was er denn trinken wolle, worauf er aus sei. Er nahm ein Bier, es war das einzige, was ich an diesem Abend verkaufte und ließ es, als er wenige Minuten später ging, um eine Toilette zu suchen, die wir nicht haben, weil wir ein Kunstraum mit Ausschank aber keine Kneipe sind, auf dem Tresen stehen, zu zwei Dritteln voll und kam nicht wieder. Er sei, erzählte er auf mein Nachfragen, von München nach Berlin gekommen, um hier Managern Beratungen zu geben, die ihr erfolgheischendes Auftreten mit seiner Hilfe eindrucksvoller machen sollten, ein Unternehmerberater also, personal consultant zu neudeutsch. Wie sie sich hielten, wie sie sprächen, wie sie auf Geschäftspartner wirken könnten würden er ihnen beibringen. Und jetzt wolle er tanzen. Zweifellos war er überzeugt von seiner Sache und dem Markt, der hier entstünde, wie er von erfahrenen Kollegen aus München wisse, die herkämen, wenn sie könnten. Das boomt doch hier. Gekleidet war er wie ein Bub der achtziger Jahre: Lackschuh, Weste, Zweireiher, in den Schultern zu weit, alles schwarz, weißes Hemd, blonder Mittelscheitel. Im P1, ob ich das kenne, würde man Schampanjerflaschen köpfen bis die Leute sich fragten, wer wäre denn das, der da so feiern kann, dann stünde man in der Bild, und am letzten Sonntag hat er Schampanjerflschen geköpft im Felix am Adlon und stand in der B.Z.. Wozu das, fragte ich. Damit die Leute seinen Namen läsen, ihn googelten und dann auf seine HP geleitet würden. Büro hätte er schon. Dann würde er ihnen zeigen, wie man richtig was hermacht und richtig Erfolg hat. Er sei ja neu hier und im Neunziggrad und im Kuhdorf war er schon, da ist er wahrscheinlich nicht berühmt geworden. Und ich fragte mich, wie der lispelnde Bub mit den überhaupt nicht angesagten Klamotten, der hohen Stimme, der schlechten Haltung und den fahrigen Bewegungen wohl erwachsenen Zynikern zu einem wohlgefälligen Auftritt verhelfen will, wo ihn schon die leichten Mädchen mit dem harten Berliner Zungenschlag nicht weiter beachteten als er ging, auf der Suche nach der Sensation, die er einst sein würde in der großen fremden Stadt.







Übertretung

Kann ich bitte Boleslav sprechen?“

Boleslav? Was? Wer?“

Sie klingt genervt, ich störe sie. Es quakt und nörgelt und tropft aus dem Hörer.

Ja, Boleslav, bitte.“

Es ist dringend, Baby, jetzt reiß' Dich zusammen und mach.

Ich kann den Warmwasserhahn nicht finden.

Was? Ach nee.“

Herablassend das. Arrogantes Miststück, wahrscheinlich sieht sie auch noch gut aus mit langen ungekämmten Haaren überm Männerunterhemd. Zierlich, attraktiv, und das weiß sie.

Kannst du nicht in 'ner halben Stunde nochmal anrufen?“

In ner halben Stunde? Scheiße verdammte Scheiße kann ich nicht. Ich träume, verdammt! Ich kann nicht wieder anrufen!“ Ich knalle den Duschkopf auf die Gabel. Nasszelle. Die Tür wird aufgerissen, Zähne kommen mir entgegen, ein Brechscherengebiss. Wann war ich zuletzt glücklich? Wenigstens froh. Oder zufrieden.


Stell Dich wieder zu den anderen!“

Ich muss gehorchen. Die Narben an unseren Körpern bilden rosa leuchtende Muster. Kreuzstich. Wir müssen etwas tun, stehen hier wie auf dem Präsentierteller, gleich werden wir geopfert. Dahinter tobt der Krieg, wie immer. Dies sind die Heerführer, die Herren, aber es sind Tiere. In ihren Augen steht die Gier, ihre Haltung zeigt, dass sie sich unserer gewiss sein können. Wir werden gar nichts tun, nur Angst haben bis zum Schluss.

StrgZ. Ich wache mit diesem Befehl im Kopf auf. Ich weiß nicht was er bedeutet, ich benutze kaum Tastaturbefehle. Ich probiere ihn aus. Rückgängig. Er bedeutet, einen Schritt rückgängig machen. Welchen?

Die Hunde also, es sind die Hunde. Immer wenn sie mich so von unten angeschaut haben, habe ich schnell weggesehen. Dieser wässrig traurige Blick.

Findest du auch, dass Hunde immer so traurig gucken?“

Wie bitte?“

Die Hunde. Findest Du auch, dass ... Vergiss es.“


Jetzt weiß ich. Womit habe ich diese Schutzengel verdient. Ich hab sie nicht einmal bemerkt, von Dankbarkeit nicht zu reden. Müssen ausbaden, dass ich willenlos treibe, der geilen Not ergeben. Sie spüren dabei nichts. Nicht einmal Mitleid. Nicht mit meinem Bewusstsein, dass sie verachten oder bedauern könnten, nicht mal das. Jetzt tun sie mir leid. Soviele. Was für ein Job.

In den Eingeweiden ist der Bass zuerst zu spüren. Der Türsteher prüft einmal von oben nach unten mein Erscheinungsbild und zeigt, indem er seine Masse ein wenig dreht, dass ich passieren darf. Durch die Läden treiben. Jedes Wochenende wieder. Diverse Barkeeper kennen mich schon, servieren mir heiße Milch mit Honig und Absinth. Ich trinke das nicht, weil Absinth so besonders berauschend ist, sondern weil es mir schmeckt. Heiß, sahnig, süß, bitter. Ich beobachte die Körper und male mir Dialoge aus. Eine von denen wird darauf anspringen, wie immer. Eine werde ich heute nacht ficken wie immer. Komm her, kleiner Fisch. Schüttel dein Fleisch. Die Hookline muss funktionieren, einen Haken in ihre Aufmerksamkeit schlagen. Hier, guck mal, das bin ich, hör mir zu, du glaubst, was ich dir erzähle. Absinth wirkt, jaja, das ist geheimnisvoll und ihm zu Ehren sind ganze Bücher geschrieben worden. Du siehst gut aus. Lass uns gehen. Ich finde diese Läden weder ausgesprochen eindrucksvoll oder einfallsreich ausgestattet, noch bedeutet mir die Musik etwas. Das ist ja Plastik, so durchschaubar darauf berechnet zu funktionieren ohne etwas zu bedeuten. Früher war das Kunst. Früher, in meinem Kopf klingt es alt. Noch geht es. Was redest du denn da? Was? Nichts. Sie setzt sich zu mir. Was trinkst du denn da. Bist du öfter hier. Na klar. Und du?

Ein Haufen Spezialeffekte ist gar nicht nötig, auch wenn man sich die Verwandlung immer so vorgestellt hat. Sie sind einfach da, stehen vor dir und du erkennst sie wieder. Emmi, Köter, Gutmut, Gregor und Sheriff. Ich kenne sogar ihre Namen.

Hör zu jetzt. Hörst du zu?“

Du wirst dich um Marina kümmern.“

Marina, hörst du.“

Ich nicke. So aufmerksam bin ich nie gewesen.

Du wirst ihr zweimal täglich begegnen. Morgens, wenn sie zur Straßenbahn hetzt, weil sie immer spät dran ist...“

Sie arbeitet.“

Jaja,sie arbeitet. Und spätabends, wenn sie zurückkommt.“

Sie ist immer so müde.“

Und du passt auf sie auf. Verstanden?“

Ich nicke wieder.

Du heißt Jockel“, sagt Gutmut teilnahmsvoll, „schöner Name.“

Wegen der Sache, weißt du. War nichts zu machen.“

Er guckt sich um. Ich sehe es auch.

Du bist da selber schuld. Nichts für Ungut.“

Ich nicke ein drittes Mal. Sie sind verschwunden. Ich bin völlig durchnässt. Stehe im Hausflur und schüttele mich.

Ist das wirklich alles so vorhersehbar? Sie war schon etwas betrunken. Hat Vor- und Nachteile. Hat beides damit zu tun, dass sie dann so passiv werden. Ich lege den Arm um ihre sehr schlanke Taille und greife um die Hüfte ans Becken, leckerer Knochen. Wir stehen auf der Straße und ich nehme ihr Kinn zwischen die Finger, drehe ihr Gesicht zu mir und lecke ihre Lippen. Sie lässt es geschehen. Kleine feste Brüste zeichen sich deutlich unterm Shirt ab. Süßes Punkmädchen. Komm kleiner Arsch.

Ein scharfes Ziehen unterm Rippenbogen, ich sacke zusammen, eine Lederjacke fängt mich auf, zischt: „Die ist nicht für dich. Verzieh dich.“ Er lässt los und im Fallen sehe ich ein großes B, ein Anhänger aus Gold auf seiner Brust. Er muss etwas getroffen haben, wahrscheinlich wollte er gar nicht so tief zustechen.

Frauchen kommt, legt mir die Leine um den Hals.

Du bist ja ganz nass. Wo bist du denn wieder gewesen?“

Ich wedele mit dem Schwanz. Ich muss mich um Marina kümmern.



Übertretung wurde 2008 in Belletristik 06, Magazin des Verlagshauses J.Frank Berlin veröffentlicht.







Unter Dingen

Unter den Dingen, die auftauchen, wenn ich meinen Schreibtisch aufräume, befindet sich Seltsames: Dinge, die mich seltsam berühren. Da finde ich eine Postkarte meiner Liebsten, auf der sie uns gezeichnet hat, am Strand vor einem Leuchtturm und um uns herum schwirren Noten und ich habe eine Gitarre in der Hand und sie einen Fotoapparat. Und ich nehme sie in die Hand und sehe das Leben in den Noten und fühle so sehr, wie ich sie liebe, meine Liebe. So selten vermag ich es zu sagen. So aus einer Karte heraus, auf deren Vorderseite ein Sinnspruch von Rainer Maria Rilke zu lesen ist, die Liebe bestehe darin, dass zwei Einsame sich beschützen und berühren. So etwas hat sie mir geschickt und ich finde noch heute, wie überraschend das ist, von ihr so eine Postkarte mit so einem Spruch geschickt zu bekommen.

So liegt auf dem Schreibtisch auch eine Haarnadel, wohl schon lange unter unbewegtem Papier.

Im Supermarkt flog mir gestern ein Rudiment eines Geruchs in die Nase, der mich in Sekundenbruchteilen in die Kindheit zurückwarf, so wohl hab ich mich darin gefühlt, dass ich zu schnüffeln begann. Ein Duft nach Mutters Küche und Dorfgarten und Unbeschwertheit von Dingen, die kommen, die müssen, unbeschwert von all dem was ich heute weiß, wie es gekommen ist, voller Möglichkeit, um die ich mich nicht geschert habe.

Und ich werde versuchen, zu lassen, dem wieder nachzujagen, Momente imitierend, die mich damals glücklich machten wie heute, versuche nur, darin heute keine Zukunft zu erkennen, sie daraus zu erkämpfen, daraus ein werdendes ich zu erhoffen, sie nur als Dinge, Momente zu nehmen, die mich einen Moment lang glücklich machen wie damals.

In den Papieren befinden sich auch Notizen zu Kontakten und möglichen Orten der Arbeit, zu denen man heute Projekte sagt, die ich nie wieder betrachtet habe, weder Ort noch Möglichkeit also aufgesucht habe um Kontakt oder Arbeit daraus werden zu lassen. Unter den Dingen, die aus meinem Schreibtisch auf die Oberfläche meines Bewusstseins auftauchen, wenn ich ihn aufräume, befindet sich so viel vergangene Zukunft.







Verkündigung

Heute kommt das Fernsehen. Das war sein erster Gedanke, nachdem er den Wecker abgestellt hatte. Er blinzelt gegen die bräunlich-orangenen Gardinen, die seine Frau gleich aufziehen würde. Er würde heute wie an jedem Tag zur Arbeit gehen. Er suchte sich einen mittelgrauen Anzug heraus, dazu ein hellblaues Hemd und einen rotsilbrig gestreiften Binder. Er achtete darauf, frisch aus der Reinigung gekommene Kleidung zu greifen. Er ging die Situation zum x-ten Mal im Kopf durch, so wie sie die Assistentin des Senders geschildert hatte: Er würde hinter seinem Schreibtisch in seinem Büro sitzen, eine Mattierung gegen das Glänzen aufgelegt bekommen, mit Ausnahme des portablen Scheinwerfers und dem Kameramann wäre alles wie immer. Die Journalistin würde im Besuchersessel sitzen und ihm ihre Fragen stellen. Dann würde er die vorbereitete Erklärung abgeben. Nachdem er seine Morgentoilette beendet hatte, stellte er sich an das Schlafzimmerfenster und sah auf den Garten seines Hauses hinunter. Er war froh, so ein schönes Zuhause sein eigen zu nennen. Er versuchte sich auf das kleine Frühstück mit seiner Frau zu freuen, die er liebte und mit der er zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren hatte. Sie besuchten ein gutes Internat. Seine Augen streiften die Schaukel, die am untersten Ast der Kastanie befestigt war, weiß und majestätisch in Blüte stehend. Auf der Treppe zum Esszimmer hinunter fühlte er wieder dieses Klemmen, das sich seit einigen Wochen von den Handgelenken ausgehend bis zur Magengrube ausdehnte, wenn er daran dachte, aus welchem Grund das Fernsehen heute kommen würde, aus welchem Grund er gestern eine halbe Stunde mit einem Lokalreporter sprechen musste, aus welchem Grund er in den letzten zwei Monaten fast täglich mit den Vertretern des Betriebsrates verhandelt hatte. Sicher, er war erleichtert, immer wieder feststellen zu können, wie gut er vorbereitet war und dass die Argumentation der wirtschaftlichen Zwangsläufigkeit die Sache zweifellos begründete; zwar musste jeder Gesprächspartner binnen Kurzem einsehen, dass sie nicht anders handeln konnten, aber die Begleitumstände, dieses scheinbar dazugehörende Reden darüber, vor allem die vielen Augenpaare, die dabei immer vorwurfsvoll oder bittstellerisch auf ihm lagen, machten ihm zu schaffen. Er stellte sich auch heute morgen wieder vor, alles mit formal korrekten Mitteilungen in die entsprechende Ordnung bringen zu können. Er konnte ja letztendlich nichts daran ändern, ob sie nun darüber sprachen oder nicht, der Rahmen der Möglichkeiten war begrenzt und sie würden tun, was möglich wäre, um unnötige Härten zu vermeiden, an denen niemandem gelegen war, das wäre ganz und gar überflüssig und nicht zweckorientiert.

Achte darauf, Deine Hände ruhig zu halten, Schatz, das wirkt sonst immer unseriös, wenn die Leute so fuchteln“, sagte seine Frau, während sie ihm Kaffee einschenkte. „Du hast Recht, Liebling, ich werde darauf acht geben“, antwortete er, ohne die Augen von der vorbereiteten Erklärung zu lösen, sich noch einmal einprägend, wann er Pausen setzen wollte. Es war wichtig, nicht herzlos zu erscheinen. Er zog die Stirn über dem Nasenbein in Falten, um seine persönliche Betroffenheit auszudrücken.

Nach dem Frühstück ging er immer mit dem Hund spazieren, obwohl er ja wusste, dass seine Frau dafür tagsüber ausreichend Zeit haben würde. Für ihn stellte das den Luxus einer privaten Erledigung dar, die noch vor den Pflichten der Arbeit einen Platz in seinem Tagesablauf hatte. Obschon er heute etwas abgelenkt war und der schlanke Windhundrüde dies zu spüren bekam, wenn sein Herr ungeduldiger als sonst an der Leine riss, war er doch froh, auch in schwierigeren Zeiten an liebgewonnenen Ritualen festhalten zu können. Nachdem er das Tier in dessen eingezäunten Bereich auf dem Grundstück entlassen hatte, die Leine an ihren Platz gehangen und die Schuhe gewechselt, griff er nach Aktenköfferchen, Mediaportabel und Autoschlüssel, um die zwanzigminütige Fahrt zum Betriebsgelände anzutreten.

Du wirst das schon machen“, küsste ihn seine Frau zum Abschied, „Komm nicht zu spät, heute abend müssen wir zum Konzert.“ Sie wandte sich wieder in Richtung Treppe zum Schlafzimmer, sie würde noch etwas schlafen. Ich habe eine Künstlerin gewollt und bekommen, dachte er, schloss die Haustür und nahm entschiedenen Schrittes das Tagwerk auf.

Für gewöhnlich genoss er die Fahrt vom Land in die Stadt, an den Feldern vorbei die Alleen entlang, die in den Farben der Zeiten leuchtend den Stand des Jahres anzeigten, heute hatte er keinen Blick dafür. Auch den Nachrichtensender stellte er schnell aus, so nüchtern er sonst selbst die Begriffe handhabte, heute lösten sie etwas in ihm aus, dem er vor der Bekanntgabe nicht gewachsen war. Es fühlte sich an, wie nach einem miserablen Essen in der Betriebskantine, die er schon lange nicht mehr aufsuchte, oder vielmehr, dachte er befremdet, wie bei einem Einstellungsgespräch. Mit einem trockenen, tonlosen Lachen entledigte er sich dieses Gedankens, nannte ihn pathetisch und obsolet. Verquer, nur nicht aus der Spur bringen lassen, im Gegenteil, konnte er nicht verhindern zu denken, im Gegenteil und schaltete das Radio wieder ein, entgegen seiner Gewohnheit einen Unterhaltungssender einstellend.

Sobald er in der Firma ankommt, setzt sich wie jeden Tag ein Mechanismus unabänderlich in Gang: er verschafft sich einen Überblick über eingegangene relevante Informationen, die ihm vorsortiert vom Pförtner überreicht werden. Er sieht die Prüfroutine durch, beobachtet Veränderungen, zieht Konsequenzen. Er stellt den Aufwand dem zu erwartenden Ertrag entgegen und überprüft die Parameter, die sie an die Prozesse anlegten. Er trifft Entscheidungen. Da er die flachen Hierarchiewege des Qualitätsmanagements angelegt hatte, besprach er die Ergebnisse mit seinem Co, wie er ihn nannte, sie tauschten Entwicklungen und Erwartungen aus und analysierten Abweichungen. All das wurde nur von gelegentlich von seiner Assistentin durchgestellten Anrufen und den kurzen Vorlagen von Dokumenten unterbrochen, ein Rhythmus, den er mochte und auf dessen Einrichtung und Aufrechterhaltung er stolz war. Er war gern Chef, dies war, weshalb er sich dazu eignete: moderne Arbeitsabläufe, von keiner Eitelkeit behinderte gegenseitige Kontrolle, Befriedigung aller durch Einsatz nach Befähigung.

Was er heute zu verkünden hatte, würde dem Betrieb nicht schaden. Schon der vorbereitende Schritt, vor zwei Jahren vorausschauend durchgeführt, hin zu geringerer Wochenarbeitszeit, war ihm logisch und klar erschienen, den Bedürfnissen aller Seiten angepasst, der Erkenntnis folgend, dass Freizeit ein zunehmend hoher Wert der heutigen Gesellschaft war, wiewohl er bereits damals wusste, dass die Anpassung an den Markt die jetzt greifende Umstrukturierungsmaßnahme irgendwann erfordern würde.

Seine Assistentin hatte das Kamerateam bestens versorgt. „Maske, er kriegt noch ein bißchen Farbe dazu“, hörte er jemanden entscheiden. Er war das Objekt. Das Auflegen der Schminke erlebte er wie ein Unbeteiligter. Mit ihm hatte dies alles nichts zu tun. Es musste getan werden. Diese Unterscheidung ist nötig. Parallele Prozesse jenseits des Arbeitsprotokolls sind mögliche Störfaktoren, dürfen den Blick auf die Notwendigkeiten nicht verstellen. Die Aufnahmeleiterin, ein unauffälliges Ding, klärte ihn noch mal über den Ablauf auf und erläuterte noch einmal die Reihenfolge der Fragen. Sie wies ein weiteres Mal darauf hin, er möge sich möglichst ungezwungen geben, bitte nicht in die Kamera blicken und wenn er gar nicht einverstanden wäre, könne man Teile wiederholen. „Sind wir dann soweit?“, fragte sie und schaute in die Runde. Sie sah ihn zuletzt an. Er nickte und dachte, Krankenschwester ist also doch nicht der einzige Beruf, in dem notorisch in der zweiten Person gesprochen wird. Er hörte ihre Frage nicht, deren Richtung, Rechtfertigung, ihm bekannt war, sondern achtete nur darauf, seine Hände still zu halten. Er stellte fest, dass sie nicht mehr sprach. „Wir haben lange mit uns gerungen und uns die Entscheidung zu diesem Schritt nicht leicht gemacht. Schließlich sind wir uns der gewachsenen Verantwortung bewusst und wissen genau, was es für die Menschen bedeutet, deshalb werden wir alles tun, den Übergang möglichst sozialverträglich zu gestalten, schon aus höchstem Respekt der für uns geleisteten Arbeit gegenüber. Es ist uns vor allem von größter Wichtigkeit, dass wir das Gefüge der Generationen im Auge behalten, uns also nicht der gesammelten Erfahrung berauben, aber auch nicht der Chance auf Erneuerung durch Verzicht auf Ausbildung und damit Zukunft. Dieser Schritt ist ohne Alternative. Denn wenn es uns nicht gelingen sollte, mit der rasanten Entwicklung schritt zu halten und den Veränderungen des Marktes sogar einen Schritt voraus zu sein, gefährden wir die Existenz des Standortes leichtfertig. Niemand trennt sich gerne von fast tausend Mitarbeitern, die die Geschichte des Unternehmens mit geprägt haben. Darum ist es uns auch nicht nur eine Verpflichtung, ihnen einen großzügigen Abschied zu verschaffen, sondern eben auch der Region gegenüber, den Zulieferbetrieben beispielsweise, mit frischer Kraft, wenn auch schlanker nach vorne zu schauen.“

Was wollen Sie denn den 950 entlassenen Mitarbeitern anbieten?“

Das haben wir mit dem Betriebsrat ausgiebig verhandelt, und Details kann ich Ihnen hier nicht nennen, aber Sie können davon ausgehen, dass eine befriedigende Lösung gefunden wurde. Das sind nicht bloß Geldzuwendungen, das geht bis hin zu unternehmerischer Beratung und Unterstützung zur Gründung eigener Firmen, denen das hier bei uns angesammelte Know-how zugute kommt und auch, ähm, wieder wertschöpfendeingebracht werden kann.“

Er hielt seine Hände ruhig, blickte die Fernsehjournalistin an und wartete, ob sie noch etwas sagen würde. Mehr war nicht verabredet, mehr hatte er nicht vorbereitet. Er fing an zu schwitzen. Die Wärme und die Anstrengung, die nötig war, dem Fokus der Aufmerksamkeit standzuhalten, hatte er sich vorher so nicht vorgestellt. Dieses Medium erlaubte keine Fehler, das mochte er. Bei diesem Gedanken straffte er sich, sie konnten ihm nichts anhaben.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.“

Bitte, sagte er noch, und das schon etwas knapper, als er selbst für höflich befunden hätte, aber kurz danach stellte jemand das Licht ab und die Raumatmosphäre wurde spürbar entspannter. Die Frau gab ihm die Hand, er bemerkte ihren Ausdruck nicht. Dann beachtete ihn niemand mehr, was ihm nicht ungelegen kam. Obwohl dies alles nur höchstens eine halbe Stunde gedauert haben konnte, fühlte er sich ausgelaugt und erschöpft, als hätte er bis in die späte Nacht gearbeitet. Nachdem die Medienvertreter sich verabschiedet hatten, wies er seine Assistentin an, ihm nur die dringlichsten Unterlagen zu reichen und ließ seinem Partner eine Notiz zukommen, er würde heute früh Feierabend machen. Als dies beschlossen war, kehrte eine Leichtigkeit in ihn ein, deren wochenlanges Fehlen er erst jetzt bemerkte.

Im Waschraum spritzte er sich zur Erfrischung klares Wasser ins Gesicht. Er sah, wie bräunliche Farbe ins Becken tropfte und wusch sich gründlich, kontrollierte das Ergebnis im Spiegel. Er konnte mal wieder etwas Sonne vertragen. Die Haut spannte. Seine Frau hatte bestimmt eine Creme dafür. Fast euphorisch verließ er das Gelände, summte die Lieder mit, die im Radio vom noch immer eingestellten Unterhaltungssender gespielt wurden und befand, er sei sehr einverstanden mit seiner Leistung. Er dachte daran, einen derart kurzen Arbeitstag noch nie ohne Krankheitsgründe gehabt zu haben. Er wusste nicht, was er mit soviel Zeit anfangen würde. Er stutzte, als er dies bemerkte. Dann dachte er daran, dass seine Frau zu Hause würde. Er schwitzte immer noch. Hoffentlich war sie zu Hause. Ihm fiel auf, dass er kaum etwas davon wusste, womit sie ihre Tage verbrachte. Genaugenommen hatten sie schon ewig keinen ungeplanten Tag mehr miteinander verbracht. Zeit zu haben, war wirklich ein Geschenk. Er freute sich auf einen schönen langen Spaziergang mit dem Hund und morgen, dachte er, morgen geht es schon wieder weiter.







Der Mittlere Held an seinen freien Tagen



I

Der Mittlere Held war auf der Suche nach Möglichkeiten der Betätigung auf die Frage nach dem Sinn der Suche gestoßen und dabei abgeschweift. Fortan schlief er lange, wachte schwer auf und begann die Tage mit einem immer genauer werdenden Frühstücksritual, zu dem zwingend Brötchen, Croissants, Milchkaffee, ein Ei, Käse, Marmelade, Saft, Radiomusik, eine Tageszeitung und die Zigarette hinterher gehören mussten. Das Ei brachte ihn nicht zur Frage nach dem Ursprung der Dinge und ob ihnen eine Zwangsläufigkeit zu eigen war, die Zeitung führte ihn nicht zu Aufbegehr gegen erlesenes Unrecht, mit der Zigarette im Mund sinnierte er, ob dem Leben der Drang nach Vernichtung innewohnte, doch auch das ließ ihn sitzen bleiben, bis der Hintern schmerzte. Erst das nahende Ende der einstudierten Zeitabläufe trug eine Unruhe in sein Gemüt, die den gewohnten Geschmäckern des Morgens einen weiteren zufügte.

Irgend etwas musste Der Mittlere Held anfangen.

Das eine und das andere mal ging er, wenn es nur spät genug war, zu seinem Briefkasten, um nachzusehen, ob dort zu bearbeitende Post wartete. An den Tagen, an denen dies der Fall war, überließ er sich dankbar der Durchsicht von Rechnungen, Glücksspielverheißungen, Kiezmagazinen oder Aufforderungen öffentlicher Stellen, administrativen Unabdingbarkeiten zu folgen. War das getan, hatte Der Mittlere Held das Gefühl, ein Tagwerk erledigt zu haben, das ihn wenn schon nicht befriedigte, so doch wenigstens beruhigte. An manchen Tagen fand er sogar private Post vor, was ihn freute, ins Leben zurückrief und zu einer umgehenden Antwort inspirierte. Dann schrieb er Der Autonomen Kindergärtnerin oder Dem Ländlichen Arbeitsamtsinspektor: Gedanken zur allgemeinen Situation oder Repliken im Speziellen. Er scherzte, spielte herunter oder sich auf, hielt den ironischen Ton, legte eine Fotografie zu den besten Wünschen und Hoffnungen auf ein baldiges Wiedersehen, adressierte, frankierte, tat einen Weg zum Postamt und warf den Umschlag auf seine Reise. So begannen die schwungvollen Tage im Leben Des Mittleren Helden, doch meistens war der Kasten leer. Obzwar das Fehlen einer Tatsache von außen erkennbar war, sah er immer hinein - eine hoffnungsverlängernde und enttäuschungsaufschiebende Maßnahme.

Die Notwendigkeit eines Entschlusses. Eigentlich stand ihm ein ganzes Arsenal von sinnvollen Betätigungsfeldern zur Verfügung, das wusste er und das wusste auch Die Empfindsame Fotografin, seine beste Freundin, die ihn auch immer dann darauf hinwies, wenn er zu leiden anfing ob der unbewegten Welt und seiner Ausgeschlossenheit. Sie hielt ihm vor, was er alles tun könne und sogar müsse, wolle er die gesteckten Ziele erreichen, von denen sie ihn reden kannte. Sie hielt sie ihm vor seine eigene Nase wie die Landkarte seiner Möglichkeiten, die sie nach seiner Skizze angefertigt hatte, und er antwortete mit einem durch den Gaumen gepressten „ja“, von schlechtem Gewissen durchsetzt, den Kopf dabei so gesenkt.

Was hindert dich, fragte Die Empfindsame Fotografin. Und komm mir nicht mit äußeren Umständen, das zählt nicht, die kenne ich selbst.

Das stimmte, das wusste er, die kannte sie, sie kämpfte sich hindurch, zäh und oft elegant, gab nie auf, auch wenn ihr danach war. Deshalb sah Der Mittlere Held sie auch manchmal so an, als wolle er sich vorstellen... Aber das ist eine Geschichte, die hier noch nicht erzählt werden soll.

Was hindert mich denn nun, was hindert mich bloß, was hindert mich also, fragt sich Der Mittlere Held, wohl wissend, dass es nichts außer seiner selbst sein würde, nichts außer seiner Wahrnehmung der Welt, in diesem Fall: Treppenhaus, Kindergeschrei aus dem Parterre, das ihn immer weckte und der Sehnsucht, die immer da war wie eine Schwingung, die man nur wahrnimmt, doch wenn man sich darauf konzentriert, so wie man die Vögel hört, wenn sie nach dem Winter wiederkehren.
Vielleicht ist die Frage nicht komplett, denkt er, es fehlt das Woran, was hindert mich woran?


II

Auf einer Wiese in einem Park drängte sich Dem Mittleren Helden die Frage auf, ob es eigentlich immer schon so gewesen sei oder schlimmer würde. Die Antwort darauf machte es jedoch auch nicht besser.

Mit seinem Kompagnon, Dem Begabten Chaoten, traf er sich dort, um eine kleine runde Plastikscheibe hin und her zu werfen. Zu dieser Zeit des endlich angefangenen Sommers waren die beiden dort nicht allein. Um sie herum lagen, saßen und bewegten sich Jogger, Federballspieler, Lesende und Liebende, direkt neben ihnen drei Grillende, die nach etwa einer Viertelstunde zu Fußballern wurden. Die Fläche wurde nun für die unterschiedlichen Übungen in Motorik zu eng, Der Mittlere Held und sein Kompagnon konnten nicht verhindern, dass die kleine Plastikscheibe einmal nah am Kopf eines Fußballers vorbeiflog.

Der Mittlere Held in seinem Vertrauen in die Möglichkeiten gemeinsamer Lösungen versuchte, die Fußballer zu bitten, auf die andere Seite ihres Lagers hinüberzuwechseln, wodurch dann beide Gruppen viel mehr Platz haben würden. Die Unfreundliche Horde ließ ihn jedoch gar nicht erst seinen ersten Satz vollenden, sondern kauderwelschte sofort in ihrer, dem eigenen Kulturkreis zugehörigen Sprechweise dazwischen, auf ihr Recht pochend, was sich daraus ergeben sollte, dass sie schon vor Dem Mittleren Helden und seinem Kompagnon auf der Wiese lagerten. Noch einmal ging Der Mittlere Held davon aus, an einem Gespräch gleichberechtigter Menschen teilzunehmen und versuchte, den vorher bereits begonnenen Apell noch einmal anzubringen, worauf er wiederum und noch nachdrücklicher unterbrochen wurde, wobei ihm physische Gewalt angeboten wurde. Der Mittlere Held stand fassungslos und betrachtete Die Unfreundliche Horde, als hätte er so etwas noch nie erlebt. Er ahnte, dass sie Hinweise auf die Kürze ihrer Argumentation oder ihre gesellschaftliche und kulturelle Unentwickeltheit oder gar Dummheit wahrscheinlich nicht goutiert hätten. Er blickte weiter hin und prägte sich dieses Bild ein, als wäre es ein ungewohntes, sah sich dann wie von Weitem auf Die Unfreundliche Horde blicken und musste dabei wohl lachen. Daraufhin wurde ihm bedeutet, dass es so gut wäre, wenn er freundlich zu diesem Unsinn lächelte. Er hörte auch augenblicklich auf, denn es war ihm fremd, einen gönnerhaften Ton auf sich bezogen zu hören, der einem Hund gebührte. Da der Begabte Chaot sich aufmachte, die anscheinend für die Dauer dieses Nachmittags verpachtete Wiese zu verlassen, schloss sich der Mittlere Held an. Er brach auf, nicht ohne seinem Gefühl die Frage anheimzugeben, wann es den Gleichmut aufgebracht haben würde, nicht mehr an dringend anzurichtende Handfeuerwaffeninfernos und Amok unter sich aufspielenden Männern zu glauben.


III

Der Mittlere Held war im späten Winter an einem frühen Samstag Abend mit seinem neuen Fußball zu einem kleinen Bolzplatz gefahren, um ordentlich dagegen zu treten. Nachdem die beiden eine Viertelstunde lang in Schneematsch und einsetzender Dunkelheit an seiner Schusstechnik gefeilt, na, gehobelt hatten, kam ein kleiner Hund auf den Spielplatz gewetzt, und störte die traute Zweisamkeit verbissen wie ein guter Verteidiger. Der Mittlere Held besah sich die Ballverliebtheit und vernahm schon von nicht allzu weit die energischen Rufe Der Spaziergehenden Besitzerin: Aus! Kommst du her! etc. Als sich ihre Befehlsgewalt gegen den freien Willen der kleinen Gestalt durchgesetzt zu haben schien, setzte der Mittlere Held seine Übungen fort, mit der Folge, dass der Hund zu ihm zurück eilte und erneut die Kommandos der Spazierengehenden Besitzerin erklangen. Dem Mittleren Helden, dem es etwas seltsam erschien, dass zwei erwachsene Menschen, deren Wege sich durch zwei kleine Spielzeuge kreuzten, nicht miteinander sprachen, während sie die Spielzeuge zu trennen versuchten, sagte zum Abschluss versöhnlich, dass der Hund wohl noch ganz jung wäre. Die Spazierengehende Besitzerin nahm ihn im Dämmerlicht in so etwas wie Augenschein und entgegnete, nein, der wäre ausgewachsen, der hätte nur einen sehr, sehr großen Spieltrieb.







Ellipse

Du dehnst die Zeit. Die Vögel besingen den grauenden Tag. Du raubst der Nacht Bewusstsein. Sie wird böse, ungehalten zieht sie davon. Es beschäftigt dich. Du fühlst deinen Puls, denkst die Synkopen. Als der Mangel an Tageslicht noch keine Wirkung gezeigt hat, warst du jünger. Wie ein warmer Ofen und Bücher dich aufrecht halten können. Aber: Wenn die Stunden am Morgen dünn werden, trügt dein vernunftgeleitetes Urteil. Die Wahrnehmung nimmt sich deiner an wie ein Wirt, der von dir Umsatz erhofft - ganz gleich, ob Du es Dir leisten kannst. Als stündest du noch. Als sähest Du noch. Als sähest Du die Situation, ganz und gar, unfähig, zu handeln. Als würden die unterdrückten Träume im Wachen schon ihr Recht einfordern.

Stundenlang stehst du an dir bekannten Orten, wissentlich, du wolltest etwas. Du wolltest etwas, das dich herführte. Weißt nicht, was es war. Die Stadt. Immer wieder die Stadt. Die Männer mit den Mützen werden dafür bezahlt, die schönen Kulissen in deiner Geschichte umherzuschieben. Wer erzählt sie inzwischen? Sie schieben einen Raum herein. Wunderbar! Du betrachtest: funktionsfertiges Getriebe deines Daseins, Kräfte deines Wirkens, Begriffe, Gegenstände, Muster. Du weißt, wo du bist. Du weißt nicht, wie du herkamst. Wer also herkam. Als wärest du wissentlich tot. Du bestimmst nicht, wohin du treibst, noch entscheidest du, wer sterben sollte.

Früher. Es kann sein, dass ich Dinge tat, früher. Es kann sein, dass ich Dinge tat an die ich mich nicht erinnere. Es mag möglich sein, dass ich Dinge tun werde. Es kann durchaus möglich sein, dass ich Dinge tun werde an, die ich mich nicht werde erinnern können. Es kann als sicher gelten, dass ich später Dinge tun werde, wissentlich. Später, mit Sicherheit.

Ich sehe ein Bett in einem Krankenhaus, ich höre jemanden schreien. Überall gelb. Ich rutsche an den Nervenbahnen in meinen erschlaffenden Körper hinab. Wer ist das? Ansicht: Nervenbahneninnenkörperumsicht.

Ist mir jemand gefolgt und hat meine Schritte gelenkt, als ich mir zusah, wie ich meine Zähne herausnahm, einzeln, um sie gegen Erfahrungen zu tauschen? Sie haben mir ein Medikament dagegen verabreicht, ich konnte es nicht mehr zerbeißen. Wir haben es versucht, oder? Dann haben sie es vom Markt genommen. Mir weggenommen, gegen Erfahrung, vernunftgeleitet.

Wir hatten also recht. Vor dem Fenster haben sie die Statuen meiner Wünsche aufgestellt. Meine halbwüchsigen Brüder tanzen drumherum, singen mir die Namen meiner kleinen und großen Knochen vor, das klingt sehr schön, sehr rein in seiner Vielstimmigkeit. Auf der Straße stehen die Arbeiter an den Debattiermaschinen, ihr Werk bleibt stetig frisch. Darin eingewickelt die Vögel, die nicht mehr singen müssen.

Erhalte eine Einladung zum Kongress: Eitelkeit. Übelkeit. Heiterkeit in Geselligkeit. Dazu Meinungsfreiheit: hier wird grob geschlachtet. Im Folgenden immer Doppelpunkt Ausrufungszeichen. Deutsche Wurst, dänische Würstchen, französisches Brot, englischer Senf. Da nicken die Rinder. Türsteher werden eingestellt, hingestellt, überprüfen, lassen mich hinein, ich setze aus. Arrogant. Herzlich. Abgeneigt. Ein Mann mit Bart und Brille setzt sich dazu. Wir betrachten den Korridor, überall gelb, Schalensitze, Türen, der Fußboden glänzt. Er besteht darauf, ich müsse eine Nummer ziehen, die aber nie, niemals aufgerufen werde. Hier gibt es keine sechseinsdrei. Nie, niemals. Wir blicken in verschiedene Richtungen, aus denen niemand kommt. Er singt ein spanisches Lied. Ich kann kein Spanisch.

Als ich endlich einschlafe, schwappt die Demütigung über. Solange ich noch denken kann, ich bin tot, bin ich nicht tot, aber es könnte der letzte Gedanke gewesen sein, tot, aber ich wache auf, weil ich nicht genug Luft bekommen habe. Die Schwester muss kommen. Sie soll mir welche bringen.

Ich fühle mich erfrischt. Die Angst liegt neben mir, sie sieht gut aus bei Tageslicht, etwas mürrisch, abweisend, das steht ihr. Sie redet mir gut zu. Ich bin froh, dass sie nicht singt. Wir bleiben noch etwas. Schließ die Augen, damit ich dir die Rippen auseinander biegen kann, so ist es recht. Wieder was gelernt. Das werde ich aufschreiben, den Violinschlüssel voran und soviele Wiederholungszeichen wie Blätter im Herbst. Gefallen. Gefunden.

Die Satelliten. Wunderbar. Sie tragen Namen wie Ausgleich und Einverständnis. Ich kann sie durch mein Teleskop betrachten. Ich muss nur den Zwerg überreden, mich auch mal hindurchsehen zu lassen. Er setzt sich die Kopfhörer auf und diktiert mir, was er empfängt: „Die Revolution beginnt mit dem Umsturz des Verhältnisses der Zwerge zu sich selbst, Marmeladengläser werden nach Befüllung mit den gekochten Früchten auf den Kopf gestellt, das Vakuum sammelt sich an der Zimmerdecke.“ Er ist so schwer zu verstehen. Ich möchte den Zwerg gern einmal Wachsen sehen. Groß. Großer Zwerg. Ja, so ist es gut.

Zum Frühstück werde ich das schwache Fleisch zerschneiden, nachdem ich es beschimpft habe, bis es gar ist. Ich kaufe mir einen Apfel und werde ihn Wirklichkeit taufen, bevor er ausgestellt wird.

Man hat mich zum Saubermachen abberufen, aber ich werde mich vor dem Sauger hüten, bei ihm weiß man nie, an wessen Ende man sich befindet. Der Feudel ist mir angenehm, nass und langsam, sein Psalm ist einfach auswendig zu lernen: „Wir lieben dich nicht mehr. Wir hoffen nicht mehr auf dich. Wir lassen uns den Glauben an dich nicht nehmen.“ Ich trage das Kostüm mit dem Vogel auf der Brust, unschuldig, mein Juwel. Der Feudel stellt mir seine Frage, wenn alles blitzt und glänzt: „Welches Wort hast Du heute zum letzten Mal in Deinem Leben gehört?“ Ich reibe die Hände und sage: „Bruderschaft“. Er schüttelt den Kopf und ich sage: „Verantwortung“, aber er hört gar nicht mehr zu. Ich - Ich bin bestimmt – Ich bin bestimmt mehr als meine gesammelten Sünden. Die Schwester soll kommen, sie soll auf meiner Stirn lesen.

Nun, bitte schön, Erdgeschoss: Weltraumforschung. Dazu pfeife ich mit den unteren Bereichen. So gut ich kann. Ich halte den Takt. Ich liebe dich nicht. Ich hoffe nicht auf dich. Ich lasse mir den Glauben an dich nicht nehmen. Er sieht mich gespannt an, aber er fragt mich nicht, was jetzt noch helfen könnte.

Sie wird dünn, bis sie fast reißt. Dann hört die Zeit auf.







1 Freizulegen mit bewegter Ladung im bereitgestellten Magnetfeld.

2 Die jeweilige Trittfrequenz ergibt sich aus der Individualproportion zur Übertragungsrelation.